Herbstwoche 1957: Feetwarmers

Der Patriot am 26.10.1957 (Samstag), Text UB
Datum unklar.


Deutschlands beste Dixielandband

Die „Feetwarmers“ in Lippstadt zu Gast – Begeisterung im ausverkauften Kolpingsaal

Wie ein frischer Windstoß klang die Erkennungsmelodie der „Feetwarmers“ durch den ausverkauften Kolpingsaal. Die sieben Musiker dieser Dixielandband hatten mit diesem schwungvollen Beginn gleich zu Anfang des Jazz-Konzertes einen großen Teil der Sympathien auf ihrer Seite. Die Rhythmusgruppe untermalte dezent die Begrüßungsworte des Vorsitzenden des Lippstädter Jazzclubs Gerke, der die begeisterte Jugend wie ebenso das erfreulich zahlreich erschienene „Mittelalter“ herzlich willkommen hieß.

Der echte Jazz ist eine seriöse Angelegenheit, das klang gleich durch die ersten Titel dieser kräftig-unbekümmert musizierenden Band hindurch. Zugleich stellte sich in der Person von Dr. Schulz-Köhn ein ebenso sicherer wie sachlicher Führer durch den Abend, und (neben dem lässig sympathischen J. E. Berendt vom Süd-West-Funk und dem mit warmer Stimme kühl kommentierenden Olaf Huthwalker vom Hessischen Rundfunk) einer der besten Kenner der Jazzsituation der Gegenwart, auch wenn er sich selbst nur einen bescheidenen Diener einer Musik nannte, die er seit einem Vierteljahrhundert kennt und schätzt.

Stars des Abends im besten Sinne und ohne Allüren aber waren die „Feetwarmers“. Deutschlands beste Dixielandband wußte, was sie ihrem Ruf schuldig war. Die Unverbrauchtheit ihres Stils wirkte ebenso gewinnend wie die Natürlichkeit und Frische, mit der diese jungen Jazzmusiker improvisierten. Aus der geschlossenen Leistung, die sie als Klangkörper boten, ragten die Solisten, wenn ihnen der Augenblick Raum zu eigenem schöpferischem Tun gab, brillant heraus. Erwähnt werden muß an erster Stelle der-Klarinettist Heinz Schellerer dessen phantasievolle Improvisationen genau so wie die jubelnden Trompetensoli des Leiters der „Feetwarmers“ Jürgen Buchholtz gleich zu Beginn die Atmosphäre großer amerikanischer Jazzkonzerte und damit mitreißende Begeisterung erweckten. An der ursprünglichen Fröhlichkeit dieses reinen Dixieland konnte niemand vorbeihören. Es wundert nicht, daß sich Jazzfreunde in aller Welt vom intellektuellen Experiment des Cool- und besonders des Progressive Jazz diesem vitalen und echten Stil begeisterter denn je zuwenden. Freilich wurde der Rhythmusgruppe die Rolle, nur „Pfeffer“ zum „Menu“ der Melodie Section zu liefern nicht ganz gerecht. Welche solistische Begabung auch hier steckte, das spürte man in den wenigen Solopartien des Pianisten Horst Mutterer die den Kenner hoffnungsvoll aufhorchen ließen, aber leider viel zu kurz waren, am stärksten aber in dem Augenblick, als der Gitarrist der Band Dieter Süverkrüp ein Rhythmen-Gitarrist ersten Ranges, dem Zwang des „Nur-Rhythmus“ entfloh und allein musizierte.

Sein Gitarriensolo „Flamenco“ war ein klassisches Beispiel dafür, daß gerade der Jazz Ursprung und Seele in der Volksmusik hat. Dieser technisch wie künstlerisch ausgereifte Gitarrist ließ eine andere Welt vor den Augen des Zuhörers entstehen, eine fremde und durch ihr maurisches Element musikalisch so reizvolle, in der sich Europäisches und Afrikanisches bizarr und erregend mischten. Selten findet man in der Fülle und Verschiedenheit der im Jazz vorherrschenden Stile eine so tief empfundene Verarbeitung und Umsetzung eines folkloristischen Themas, das die Fans an rare Lenny-Tristano-Platten erinnerte. Sehr aufschlußreich besonders für die Nichtkenner war die Nummer „A bucket got a hole in it“ an der die „Feetwarmers“ das Musizierprinzip einer Dixielandband erklärten, indem sie den Klangkörper in seine Einzelstimmen zerlegten.

Von erstaunlichem Einfühlungsvermögen in die Charakteristika der prägnantesten Jazzstile war die „History of Jazz“ in der die Düsseldorfer Band klar und dennoch in ureigener Interpretation Beispiele zu den einzelnen Stilepochen spielten.

Vorwiegend Jazz der modernen Richtungen brachte der zweite Teil des Programms. Kunstvoller, geschliffener und raffinierter in den Arrangements. ist der Unterschied zum Dixieland klar erkennbar freilich geht die vitale Ursprünglichkeit des letzteren weitgehend im intellektuellen Experiment verloren. So formierten sich die „Feetwarmers“ mit dem Posaunisten Gerd Hoffmann und Frank Lemaire am Baritonsaxophon zu einer Bigband, die ihren Stil am Leitbild Count Basies orientierte. Der kammermusikartige modern jazz des Kölner Jazz-Quartetts machte nicht den Fehler, sich vollends in die abgeklärte Sachlichkeit des Cool-Jazz zu verlieren und schloß den Kreis dessen, was im Jazz seit einem halben Jahrhundert gespielt wird. Es lag etwas von der Faszination des Abstrakten im gehörten modern Jazz. Freilich, wenn das Perlen waren, dann waren es Zuchtperlen.

Ein Paar der zahlreichen Titel die im Ohr blieben, weil sie erstklassiger Jazz waren: Der Roval Garden Blues, der Russian Lullaby der der Brillanz Schellerers noch einmal breitesten Improvisationsraum ließ, Jive at five im Big-Band-Stil und die Originals von Gerd Hoffmann. Mit dem „wilden Jazzgeist“ und „Blue Lou“ gaben die „Feetwarmers“ einen schwungvollen Ausklang. Mit ihrem zweieinhalbstündigen Konzert hatten sich diese sympathischen Jungen in die Herzen ihrer Hörer gespielt. Das Kennzeichen der Jazzmusik besteht wohl darin, daß sie im Augenblick entsteht, im Augenblick zündet und im direkten Kontakt ihre Wirkung entfaltet. Eindrucksvoll zeigte sich auf dem ersten Lippstädter Konzert eine echte Begeisterung frei von jedem Mißton.

Dr. Jazz, alias Dr. Schulz-Köhn erwies sich als ein Kenner, der nicht dozierte, sondern intelligent plauderte. Der Kolpingsaal erlebte selten solche Applausstürme. „Man soll“ damit schloß Dr, Jazz seine Ausführungen „Musik nicht in Schubfächer einteilen. Es gibt eigentlich nur zwei Arten von Musik, gute und schlechte.“ Und schlecht, nein, schlecht war die Musik der „Festwarmers“ wirklich nicht.