Auszug aus dem VHS-Programm Winter 1959/60, 1. Semester, September – Dezember 1959. Vielen Dank für die Recherche an die VHS:
„Die Spree-City-Stompers mit bekannten Solisten und neuem Programm spielen als Beitrag der VHS in Verbindung mit dem Jazz-Club Lippstadt in der diesjährigen Berlin-Herbstwoche. 20.10.59, 20 Uhr, Kolpingsaal“
Hinweise zur Band: https://de.wikipedia.org/wiki/Hawe_Schneider
Der Patriot, Redakteur UH schrieb dazu am 23.10.1959:
Höhepunkt: Hans Koller und die Jam-Session
Die Spree-City-Stompers zum zweiten Male in Lippstadt – Old-time-Jazz modern gespielt
Die Spree-City-Stompers – der übervolleKolpingsaal bewies es – haben sich bereits mit ihrem ersten Konzert in Lippstadt im vergangenen Jahr eine Menge Freunde erworben. Die „Jazz-Gemeinde“ hat sich inzwischen vergrößert. Das überwiegend junge Publikum brachte der Berliner Dixielandband bei ihrem zweiten Konzert in Lippstadt Ovationen. Es fiel, das sei dankbar erwähnt, kein einziger Pfiff. Dafür brachte besonders der Auftritt der markantesten Persönlichkeit, die der Jazz in Deutschland besitzt, des Tenorsaxophonisten Hans Koller jenes Jazzfluidum, das man nur aus den großen Konzerten amerikanischer Jazzmusiker kennt.
Die Spree-City-Stompers erwarben sich in Deutschland Ruf durch ihre von eigenem Stil geprägte moderne Interpretation des old-time-Jazz. Es gehört freilich neben absoluter Beherrschung des Instruments sehr viel Einfühlungsvermögen dazu, die Musik aus den Pionierjahren des Jazz modern aufzufassen und zu spielen. Die Berliner wurden ihrem Ruf als exakt musizierende Dixielandband mit eigener Auffassung nicht untreu, wenn man auch über ihre Wiedergabe mancher Titel, so Jelly Roll Morton im zeitgenössischen Stil, durchaus geteilter Meinung sein kann und der festvorgezeichnete Weg des Dixieland der Phantasie der Musiker doch manchmal Abbruch tut, worunter bei den Stompers aus Berlin vor allem die Rhythmusgruppe litt.
Pianist Hansi Schmücking zeigte in kleiner Besetzung sein eigenwilliges Talent. Zwar klang das Vorbild Errol Garner in vielen Passagen stark durch, doch bewies der einfühlsame Pianist, das er über seine großen Kollegen hinweg zu eigener Auffassung gefunden hat. Erster Höhepunkt des Abends: Duke Ellingtons fast lyrisch improvisiertes Thema „The creole love call“. Trompeter Werner Geisler, eines der Gründer der Spree-City-Stompers, bewies hier eindrucksvoll sein großes Können. Auch Klarinettist Peter Strohkorb gab dieser Titel endlich Raum für intuitive Soli, die ihn endlich beweisen ließen, daß die Spree-City-Stompers in ihm ein
großes Talent besitzen. Der „Rhythm“ hielt sich wohltuend zurück. Trompeter Werner Geisler ließ sein eigenwilliges Talent noch einmal voll zur Geltung kommen: In Louis Armstrongs „King of the Zooloos“ womit er der Lippstädter Jazzgemeinde zeigte, wie sehr bei einem Jazzmusiker instrumentale Beherrschung und musikalische Phantasie zusammenwirken müssen. — Band-leader Hans Wolf Schneider zeigte sich als Posaunist wie am Vibraphon als „spiritus rector“ der Stompers, ein Musiker, für den der Dixieland wie geschaffen ist.
Die Stimmung des Abends wechselte vom soliden Dixielandkonzert zu einem musikalischen Erlebnis, als Hans Koller die ersten Töne auf seinem Tenorsaxophon in den Kolpingsaal blies, der das Konzert trotz seines schmucklosen Rahmens durch eine ausgezeichnete Akustik unterstrich. Hans Koller, vom Auftreten her wie ein amerikanischer College-Student wirkend, geht nicht zu Unrecht der Ruf voraus, Deutschlands Jazzmusiker Nr. 1 zu sein. Von ihm als Tenorsaxophonisten ging ein Schwung aus, der die mitwirkenden Stompers in eine an diesem Abend noch nicht gehörte schöpferische Phase mitriß. Schlagzeuger Wolfgang Henze und Bassist Manfred Neumann hatten vor Konzertbeginn eine knappe Stunde mit Hans Koller geprobt, ließen sich jedoch von ihm zu gekonnten Improvisationen mitreißen. Hans Kollers Titel werden Lippstadts Jazzfreunden noch lange im Ohr klingen, das lyrische Thema „Margaret Rose“ „I close my eyes“ und das rhythmisch schwierige, dem Freund Lee Konitz gewidmete „Lee“. Als zusätzliches Geschenk für die begeistert klatschenden Fans und kritischen Zuhörer: „Remember april“, die Krönung von Kollers Auftritt.
Der Funke, der von dieser dynamischen Persönlichkeit des deutschen Jazz der Gegenwart auf alle Musiker überspringt, die mit ihm in einer Band spielen, zündete auch bei den letzten Titeln der Spree-Citv-Stompers. „Bonapartes retreat“ und „Riverboat-Shuffle“ bewiesen die Qualität der Band.
Trotz zweieinhalb Stunden temperamentvollen Spiels beglückten die Stompers und Hans Koller ohne ein Zeichen von Ermüdung die Lippstädter Jazzfreunde noch mit einer Jam-Session, der zwar der intime Charakter, den der Konzertsaal schließlich nicht geben kann, fehlte, die jedoch das Improvisationsvermögen der Musiker am stärksten zeigte. Neben Hans Koller entfaltete sich in der Jam-session zum zweiten Male nach „The creole love call“ ein Talent der Stompers, das während des Konzerts zu oft im Verborgenen geblüht hatte: Klarinettist P Strohkorb.
Die Gäste hätten nicht besser zeigen können, was Jazz ist.
