22.01.1963: Dutch Swing College Band feat. Albert Nicolas

Der Patriot am 24.01.1963, Text UH.
* erstes Konzert 24.01.1961


Dixieland – vollendet gespielt

Albert Nicolas und die Dutch Swing College Band zu Gast in Lippstadt

Das erste Jazzkonzert im neuen Jahr vereinte Europas beste Dixielandband und eine geschichtliche Persönlichkeit des Jazz auf dem Podium des Kolpingsaales. Albert Nicolas und die Dutch Swing College Band – beide kamen zum zweiten Male nach Lippstadt * – bewiesen ihre Attraktion trotz Schnee und Eis. Wenn es hie und da trotzdem noch einen leeren Stuhl gab und der Gedanke an die Finanzen dem Jazzclubpräsidenten Gerke einen Wermutstropfen in den Freudenbecher senkte, so sei ihm als kleiner Trost gesagt, daß man Dixieland in dieser Perfektion und künstlerischen Reife auch von der Dutch Swing College Band in Lippstadt vorher noch nicht zu hören bekommen hatte.

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem die sympathischen Holländer zum ersten Male im Kolpingsaal spielten, Tourneen haben die dem College-Alter längst entwachsenen Jazz-Profis inzwischen rund um den Globus geführt. In Südamerika wurden sie ebenso stürmisch gefeiert wie in Ostasien, von wo sie erst vor zwei Wochen zurückgekehrt sind. Sie sind reifer geworden in diesen zwei Jahren, origineller im Stil, ausgefeilter im Arrangement, weltoffener im Thema. Geblieben ist ihre ungezwungene Natürlichkeit. Genau so lustig und fröhlich wie sie sich auf der Bühne präsentieren, sind sie auch.

So bleiben sie auch dort sympathisch wo Jazz und Show sich streifen. So wird ein Dixieland-Arrangement von Rossinis Wilhelm Tell-Ouvertüre zu einem musikalischen Erlebnis, das mit jedem Ton die ganze Klasse dieser Band demonstriert. Es gibt auch eingefleischte Jazzfans, die so etwas nicht mögen. Sie werden spätestens nach diesem Arrangement gespürt haben, daß die Kunst darin besteht, wie man es macht, nicht was man macht. „Wilhelm Tell“ von der Dutch Swing College Band und etwa den „Liebestraum von Liszt als Twist“ trennen Welten.

Daß das Gesicht dieser Band profilierter und reifer erscheint, verdankt sie zum großen Teil ihrem neuen „Motor“ Dieser junge Mann hinter dem Schlagzeug, der so typisch holländisch aussieht, könnte Jan oder Ton heißen, Sein Name ist Louis Maurice de Lussanet de la Sabloniere, und er ist ein Drummer von einer technischen Perfektion und Virtuosität, wie man sie bei weißen Schlagzeugern ganz selten findet. In Lippstadt hörte man bisher nur einen Schlagzeuger, der ihm künstlerisch ebenbürtig war, wenn auch seine Musik völlig anders geartet war: Hans Kollers farbigen Indonesier Rudi Pronk. „Der Lou macht es anders“, sagt Peter Schilperoort, als er sein Solo „The stomp meeting“ ankündigte. Er sollte recht behalten. Einen Drummer mit dieser Vitalität, mit soviel Gefühl für Rhythmus und soviel Ausdruckskraft hatte man hierzulande im Konzertsaal noch nicht erlebt.

Peter Schilperoort ist nicht nur ein sympathischer Tausendsassa, ein Allround-Musiker, der bei manchen Arrangements zwei Instrumente um den Hals baumeln hat, der Sopran- und Baritonsaxophon ebenso gut spielt wie seine Klarinette, der zwischendurch ans Klavier rochiert und auch dort gute Jazzmusik macht — seine Klarinettensoli sind tragendes künstlerisches Element der Band. Das reifste und schönste blies er in „At a Georgia Camp Meeting“ Dickie Kaarts Solo in „Stardust“ brachte nach langer Zeit wieder eine Begegnung mit einem musikalischen Posaunisten. Arie Ligthart war diesmal mit seinen Soli sparsam. Nur „Bye bye Blues“ war seinem Banjo gewidmet, dafür brachte er auf einer brasilianischen Cavaquinho-Gitarre einen originellen Sound in manche Titel. Bassist Bob van Oven ließ seine Soli ebenfalls nur spärlich, dann aber sehr gekonnt hören.

Die zweite Neuentdeckung der Dutch Swing College Band ist der Trompeter Ray Kaart, der kleine Bruder des Posaunisten Dickie Kaart ist bereits ein großer Könner. Er hat in dieser Band den Platz des unvergeßlichen Oscar Klein eingenommen. „Bei mir bist Du schön“ in einem neuen Arrangement präsentierte ihn mit einem großen Solo, mit dem er sein ganzes Können entfaltete. Ray Kaart ist technisch erstaunlich vielseitig, seine Soli „swingen“, er läßt sich viel einfallen auf seiner Trompete, die er technisch vollendet beherrscht. Er ist künstlerisch anders geartet als Oscar Klein, nicht so expressiv, aber genauso einfühlsam und brillant. Sein Solo ließ den Beifall zum Orkan werden. Wenn Ray Kaart bei der Dutch Swing College Band bleibt, wird er künstlerisch noch weiter reifen.

Dies war ein Konzert mit großen Erlebnissen, mit vielen Höhepunkten, Es brachte heitere Ausgelassenheit wie das Gesangssolo „I wish I could shimmy like my sistter Kate“, es brachte Peter Schilperoorts brillantes Solo auf dem seltenen Sopransaxophon in „Rocking chair“ es brachte den großartigen „Quena Blues“ es brachte schließlich mit Albert Nicolas eine Persönlichkeit des Jazz, die heute bereits Geschichte ist, in der sich fünfzig Jahre Jazzmusik spiegeln. Albert Nicolas Vitalität ist so ungebrochen, daß er sogadie Dufch Swing College Band inspirieren, beleben und entzünden kann. Ihn zu beschreiben, heißt sich wiederholen. Seine Bluestitel wer den unvergeßlich bleiben.

Mancher Konzertbesucher wird sich noch nach Jahrzehnten an dirses Konzert erinnern. Sicherlich werden dann nicht nur Albert Nicolas, sondern auch die Dutch Swing College Band ein Stück Jazzgeschichte sein. Kinder und Enkel werden ihre Platten als musikalische Raritäten hüten und pflegen. Und Eltern und Großeltern werden dann lebendige Erinnerungen auffrischen und sagen können: „Die haben wir noch als junge Menschen persönlich erlebt.“