Der Patriot am 24.10.1063 (Donnerstag) Text: Urula Heyn
Termin nicht sicher.
Jazzcocktail mit herben Akzenten
Die Leathertown Jazzmen und Günter Boas zu Gast beim Herbstwochenkonzert
Das siebte große Jazzkonzert in der Herbstwoche wurde für Jazzclub und VHS gleich zu Beginn zu einer herben Enttäuschung: es war das erste Herbstwochenkonzert, das nicht ausverkauft war. Lag es an der allgemeinen Jazzmüdigkeit, über die alle westlichen Länder klagen? Merkt man nun auch schon in der Provinz, daß die überhitzte Jazzkonjunktur in ruhigere Bahnen übergeht? Oder hat man in der Vergangenheit das Lippstädter Publikum mit so viel berühmten und großen Bands und Musikern verwöhnt, daß jetzt nur
noch große Stars ziehen? Eins ist gewiß: „mit der „Tatsache, daß auch eine solide Dixielandband in der
Herbstwoche nicht mehr für ein volles Haus garantiert, kommen auf Jazzclub und VHS neue Probleme zu: Die Lösung dürfte in einem kleineren Saal mit etwa 500 Plätzen liegen, die Hoffnungen richten sich auf den zukünftigen Theatersaal der Ostendorfschule.
Die deutsch-englische Dixieland Band „The Leathertown Jazzmen“ aus der Lederstadt Offenbach nennt sich eine. EWG-Kapelle, obwohl England noch nicht dazugehört. So erfreulich es ist, daß deutsche und englische Musiker einträchtig in einer Band musizieren, so bleibt doch festzustellen, daß eine originelle Ansage noch keine gute Jazzband macht. Was die Leathertown-Jazzmen vor der Pause boten, war nicht dazu angetan, die Jazzmüdigkeit zu vertreiben. Daran änderten auch die gut swingenden, technisch aber verbesserungsfähigen Soli des Klarinettisten Trevor Kaye nichts. Seine gesanglichen Einlagen gefielen den meisten Zuhörern gut, aus den Fußstapfen „Satchmos“ sollte er sich jedoch heraushalten. Am besten musizierte die Band in jenen Stücken, wo Blues und Spiritual so viel Vitalität ausströmten, daß die Musiker sich von der Kraft der Titel
tragen lassen konnten. Trompeter Günter Sellenath und die Rhythmusgruppe spielten soliden Dixieland, mehr freilich nicht. Bei einer Gruppe diskutierender junger Männer, die in der Pause die sommerlichen Gastspiele in Juan-les-Pins und Zurüch im Programm lasen, fiel das Wort „Touristen-jazz“
Mit Günter Boas und seinem Blues-Trio war hingegen eine Berühmtheit der deutschen Jazzszene nach Lippstadt gekommen; in der Ankündigung des Konzertes hatte man das leider nicht genügend herausgestellt. Günter Boas ist einer der ganz wenigen Sänger, die auch im internationalen Jazz Anerkennung gefunden haben. Eine amerikanische Langspielplatte, die er kürzlich mit Mitgliedern des American Folk Blues Festival aufgenommen hat, unterstreicht seine künstlerischen Qualitäten eindrucksvoll.
Er sieht so aus, wie man sich einen Finanzbeamten vorstellt, der auf korrekte Weise recht unangenehm werden kann. Hört man seiner Musik mit geschlossenen Augen zu, vermutet man hinter dieser Stimme den Resonanzboden eines dunkelhäutigen „Kleiderschrankes“. Man öffnet die Augen wieder und weiß nun, warum
Günter Boas am Mikrophon und am Klavier weit über die EWG hinaus geschätzt und anerkannt wird. Wunderbare Bluestitel klangen durch den Kolpingsaal. Lippstadts Zuhörer wurden wach und bewiesen, daß ihr Gehör in einer Serie vorzüglicher Konzerte in der Vergangenheit geschult worden ist. Sie überschütteten den bescheidenen Günter Boas mit Beifall.
In den Lobgesang auf Günter Boas fällt ein Wermutstropfen – er fällt jedesmal, wenn ein guter Pianist in Lippstadt zu Gast ist. Da schüttelt die virtuose Branka Musulin den Kopf, die anmutige Hilde Findeisen muß sich persönlich beim Publikum entschuldigen und die Jazzpianisten – auch sie sind Künstler, die ein einwandfreies Instrument brauchen – sie schweigen zwar, aber ihre Zuhörer ergreift eine drückende Verlegenheit. Vielleicht ist es doch mit vereinten Kräften und Bemühungen aller, die sich um das Musikleben
Lippstadts bemühen, möglich, Lippstadts Ruf als „flügellahme“ Stadt zu bessern.
Der zweite Teil des Konzertes brachte mit dem Iserlohner Klaus-Demski-Quartett kultivierten modern Jazz. Das Kurt-Liebel-Quartett spielte anschließend Swing-Titel, die zu dem schönsten gehörten, das man im Swing-Stil je in Lippstadt zu hören bekam. Der Iserlohner Hotclub wurde seit seiner Gründung stets von einer großen Zahl aktiver Musiker geprägt. Zu allen Zeiten hatte man Formationen der verschiedensten Stilrichtungen, die sich hören lassen konnten. Klaus Demski und Kurt Liebel spielten excellenten Jazz.
Inzwischen hatten Günter Boas und die Iserlohner Formationen nicht nur dem kühlen Saal und dem jazzmüden Publikum, sondern auch den Offenbacher Leathertown Jazzmen so eingeheizt, daß sie
jetzt mit todsicheren Titeln wie „Mackie Messer“ Kid Ory’s „Savoy Blues“ und dem „Royal Garden
Blues“ zu vorgerückter Stunde doch noch guten, zünftig-fröhlichen Dixieland boten. Als die Offenbacher Band mit Günter Boas den St.-Louis-Blues improvisierte, gab es sogar große, echte Atmosphäre. Es war inzwischen 11 Uhr.
Die Jam-Session über den C-Jam-Blues bildete den krönenden Abschluß des Konzertes, und mit Günter Boas am Piano, den Iserlohnern Klaus Demski und Kurt Liebel sowie den Leathertown Jazzmen gelang die Session recht gut, wenn man berücksichtigt, daß sich eine Jam-Session mit dem Konzertsaal nie recht befreunden will. Dieses siebte Herbstwochenkonzert hat den Veranstaltern neue Sorgen gebracht. Den Zuhörern servierte es einen Jazzcocktail, zu dem die Iserlohner den Gin und die Leathertown Jazzmen den
trockenen Wermut beisteuerten. Günter Boas darf man die „Kirsche“ dieses Cocktails nennen, dem auch einige Spritzer „Angustora Bitter“ nicht fehlten, der aber den Zuhörern um so besser mundete, je tiefer man ins Glas hineinschaute.
