19.10.1965: Festival zur Herbstwoche

Der Patriot am 21.10.1965, Text: UH, leider kein Bild und Lücken im gescannten Bericht.
Links von der JCL-Redaktion ergänzt.


Jazz-Konzert mit großen Namen – Traditionelle Veranstaltung zur Lippstädter Herbstwoche

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, mögen sich VHS und Jazzclub Lippstadt gedacht haben, als sie das nun schon traditionelle Herbstwochenkonzert  zusammenstellten. Auf dem Plakat wirkte das Programm recht attraktiv. Leopold von Knobelsdorffs Boogie-Woogie-Company als Anreißer für das Lippstädter Publikum, das den modern Jazz nun einmal nicht liebt, einen farbigen Solisten mit einem klingenden Namen, der mit ausgefeilten Soli für Kolorit sorgt – der angekündigte Leo Wright war erkrankt, aber Milton Gaynor vertrat ihn würdig – mit dem Gunther-Hampel-Quartett die Avantgarde der deutschen Jazzszene, die auch auf den frisch in Paris geernteten Lorbeeren nicht ausruhte, schließlich Inge Brandenburg, die first Lady of Jazz, die in Lippstadt schon einmal emphatisch gefeiert worden ist.

Leopold von Knobelsdorff am Piano, der Gitarrist Albrecht Claudi, Heinz Grah am Baß und Kalle Hoffmeister am Schlagzeug heizten den kalten Saal gleich zu Beginn mächtig ein. Die Gruppe, von der man eigentlich am wenigsten erwartet hatte, bereitete dem Publikum mit dem exzellenten Gitarristen Albrecht Claudi eine angenehme Überraschung. Zeigte er mit „Al’s Guitar Boogie“ sein ganzes Können, so präsentierte sich Leopold von Knobelsdorff mit „Leos Boogie Train“ ganz im Stil der groBen Pianisten der Boogie-Woogie-Epoche. Er ließ sich weder von seiner gut erzogenen Rhythmusgruppe überspielen noch von der Qualität des Flügels beeindrucken. Da dem Flügel erst kurze Zeit zuvor zwei fehlende Töne ersetzt worden waren und an den Tasten die gröbste Verletzungsgefahr beseitigt worden war, munkelten Eingeweihte, er sei dem Leopold von Knobelsdorff „zum Kaputthauen“ hingestellt worden. Der Flügel überlebte.

Wilton Gaymor – er gastierte bereits vor knapp drei Jahren mit George Maycock in Lippstadt – ist ein Tenor-Saxophonist von internationalem Renomme. Doch auch exzellente Musiker können nicht auf Anhieb große Kunst mit Leuten machen, die ihnen unbekannt sind. Er war schon eingesprungen für den erkrankten Leo Wright und mußte sich nun mit einem schwedischen Pianisten, einem Bassisten aus Indonesien und einem Holländer am Schlagzeug — sämtlich Musiker aus dem Gunther-Hampel-Quartett — zurechtfinden. Mit der Völkerverständigung wollte es hier gar nicht Klappen. Bobo Steensen am Piano war fast nicht zu hören, und selbst seine dünnen Soli übertönte der Schlagzeuger. Daß Wilton Gaynor ein technisch perfekter Tenor Saxophonist ist, versteht sich, hier aber konnte er künstlerisch nicht voll zur Entfaltung kommen. Da er sein Publikum aber nicht enttäuschen wollte, entschädigte er es mit breit angelegten Soli. So geriet nun auch noch der Zeitplan ins Wanken, und die Pause dehnte sich über Gebühr in die Länge.

Bei Cola und blauem Dunst begann das aus Teens und Twens bestehende Publikum nicht nur von den vergangenen Zeiten des „merry old Dixieland“ zu schwärmen, sondern schielte auch neidisch auf Plakate des gut nachbarlich verbundenen Jazzclubs Rheda, der sein Zehnjähriges in zwei Wochen mit der Dutch Swing College Band und anderen Stars des internationalen Jazz begeht. Dann kam mit Gunther Hampel wohl die eigenwilligste Persönlichkeit des deutschen Jazz auf die Bühne. Umweht vom Flair, in Paris erfolgreich gewesen zu sein und in Kürze auf Einladung des Goethe-Instituts auf große Europa-Tournee zu gehen zeigte Gunther Hampel mit eigenen Kompositionen wie „Solitude“ und „Module“ wie er sich den modern Jazz vorstellt. Zerfetzt und unterkühlt zugleich klang es oft beängstigend „free“ doch den erfolgreich aus Paris zurückgekehrten Gunther Hampel den „Courrège“ des deutschen Jazz zu nennen, bleibt zu sehr an der Oberfläche, er ist ein großer Künstler, der die Baßklarinette und die Querflöte mit einer Faszination spielt, die man selten erleben kann, der sich am Vibraphon mit solcher Hingabe neue Wege sucht, daß man um seine Zukunft nicht fürchten muß.

Wie beim ersten Konzert vor zweieinhalb Jahren mit Klaus Doldinger, mußten die Jazzfreunde auch diesmal fast drei Stunden warten, bis sie Inge Brandenburg, zu sehen bekamen. Von ihr weiß man, daß sie sich um keinen Preis im Schlagergeschäft verheizen lassen will, daß sie weiß, wie schwimmend die Konturen zwischen leicht und seicht sind, daß sie, auf ihren Ruf als Künstlerin bedacht, seit drei Jahren keine Platte mehr besungen hat. Sie ist eine große Künstlerin wie eh und je, mit Gunther Hampel und seinen Musikern versteht sie sich glänzend aber schließlich ist man ja auch gemeinsam auf Tournee, ihr Können prägt ein modern arrangiertes „Summertime“ aus Gershwins „Porgy and Bess“ ebenso wie einen Evergreen wie „Falling in love with love“ von Richard Rodgers oder einen so anspruchsvollen Titel wie Thelonius Monks „Round about midnight“. Vor drei Jahren jedochwirkte Inge Brandenburg vitaler, ungebrochener, heute scheint es, als enge dieses selbstgewählte Exil sie ein, als habe sich auch über ihr Ziel, um jeden Preis sie selbst zu bleiben, die Routine wie eine graue Patina gelegt. Es wäre schön, wenn sie selbst diesen Eindruck beim nächsten Gastspiel in Lippstadt zerstreuen würde. Gegen 11 Uhr nach einem Konzert, das insgesamt enttäuschend verlief, ist der Zeitpunkt allerdings schon sehr ungünstig gewählt.

Dies war ein Konzert mit großen Namen, aber ohne große Atmosphäre. Man wurde nicht recht warm an diesem Abend, und daran war, das muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden, der Jazzclub Lippstadt schuldlos. Er hatte sich bemüht, zum festgelegten Termin, dem Herbstwochendienstag, das Menschenmögliche auf die Beine zu bringen. Auch vor zwei Jahren war das Herbstwochenkonzert, aus mehreren Bands zusammengewürfelt, kein großer Erfolg und sah gähnende Stuhlreihen. Vier Wochen später riß man sich um die Karten und feierte Chris Barber, wie noch kein Jazzmusiker in Lipptadt gefeiert worden ist.  Auch diesem „Tief“ am Dienstagabend wird ein käftiges „Hoch“ folgen. Am 4. Februar 1965 (Anm. JCL-Redaktion: kann nur 66 sein) kommt Mr. Acker Rilk’s Paramount Jazzband nach Lippstadt und bei Philippi sehen wir uns wieder ..