Der Patriot am 07.02.1966: Leider kein Beitrag, aber ein Leserbrief:
Jazz, Show und „Bitterer Honig” – Offener Brief an Mr. Acker Bilk – Zum Konzert der Paramount-Jazzband
Bei Philippi wollten Lippstadts Jazzfreunde sich nach dem ein wenig mißglückten Herbstwochenkonzert wiedersehen, und Lippstadts Jazzklub (den an diesem Mißlingen keine Schuld traf) hatte die Jazzbegeisterten am Freitagabend mit einem der zugkräftigstex Namen der Jazzszene der Gegenwart in den Kolpingsaal gelockt. Da Mr. Acker Bilk und seine Paramount Jazzband leibhaftig mit gestreiften Westen und Bowlerhut auf dem Podium standen, konnte man die leeren Stühle im Kolpingsaal an den Fingern abzählen. In Lippstadt „steht“ man auf zünftigem, handfestem Dixieland, und Mr. Acker Bilk hat seinen Weltruhm als swingender Dixielandmusiker erworben. Das Konzert mit der, Paramount-Jazzband war wohl das erste Jazzkonzert auf Lippstädter Terrain, das ohne einleitende Worte von Lippstadts rührigem Jazzclub-Präsidenten Gerke über die Bühne lief, und es war sicherlich das erste Konzert, bei dem diese einleitenden Worte dringend am Platze gewesen wären. Jazzclub und VHS als Veranstalter hatten ihr Bestes gegeben. Sie muß man bei der kritischen Würdigung dieses Abends aus der Kritik heraushalten. Deshalb sei es gestattet, das, was im Namen der zahlreichen Jazzfreunde in und um Lippstadt zu diesem Konzert zu sagen ist, in einem offenen Brief an Mr. Acker Bilk und seine Band direkt zu richten:
Sehr geehrter Mr. Bilk!
Wir waren mit großen Erwartungen zu Ihrem ersten Konzert auf Lippstädter Boden gekommen. Wir wußten sehr viel von Ihnen. Ihr Ruhm eilte Ihnen voraus; wir wußten, daß sich unter dem berühmten Bowler einer der berühmtesten und hochbezahltesten Jazzmusiker der Gegenwart präsentiert. Man hatte uns berichtet, wie steil und steinig der Weg war, der Sie aus der Schmiedewerkstatt der englischen Grafschaft Somerset auf den Gipfel des Ruhms geführt hatte. Als weltoffenen Jazzfreunden war uns auch bekannt, daß Sie die Diamanten Ihres Ruhms nicht im Jazzkeller, sondern im Show-Business erworben haben, und sicherlich war niemand gekommen, der nicht im Rahmen dieses Jazzkonzertes auch Ihre Welterfolge „Sentimental journey“ und „Stranger on the shore“ hören wollte.
Wir sind Ihnen nicht böse, daß Sie von uns so wenig wußten. Wie hätten Sie, der auf der Woge des Erfolges leicht und sicher um die ganze Welt schwimmt, ahnen können, daß wir in einer westdeutschen Provinzstadt, die Sie wahrscheinlich vor Ihrer Tournee nicht einmal bei Namen kannten, so anspruchsvoll und verwöhnt sind? Wir verdanken diese Tatsache nicht nur unseren geschulten Ohren, sondern weltberühmten Kollegen, die vor Ihnen auf der gleichen Bühne gastierten. Zweimal war Ihr Kollege Peer Schilperoort mit seiner „Dutch Swing College Bard“ bei uns zu Gast – wir feierten ihn stürmisch – und Ihr Landsmann Chris Barber mit seiner faszinierenden Posaune hat uns vor drei Jahren am gleichen Ort von den Stühlen gerissen.
Einer der hübschesten Titel, die Sie uns an diesem Abend spielten, war die Filmmusik „A taste of honey“ – der deutsche Titel heißt beziehungsvoll „Bitterer Honig“. Sie selbst gebrauchten in Ihrer Ansage, ehe Sie uns hören ließen, wie excellent Sie Ihre Klarinette beherrschen, das Wortspiel „A taste of money“ Für die meisten von uns war dieser „taste of money“ kräftig, wir mußten tief in die Tasche greifen, um Sie zu hören. Daß in Ihrem zweieinhalbstündigen Konzert nur Englisch gesprochen wurde, freut uns für Ihre zahlreichen Landsleute, die an diesem Abend im Konzert waren; die anderen freilich wußten mit noch so gründlichen in der Schule erworbenen Englischkenntnissen nichts anzufangen, sie freuten sich, wenn Titel wie „SweetGeorgia Brown“ „Jazz me Blues“ oder das excellent musizierte Spiritual „Give me that old religion“ vorgetragen wurde, die eingeschworene Jazzfans sowieso kennen. Ist es ungebührlich, Sie zu bitten, daß man bei einer so weitgereisten welterfahrenen Band nicht nur „Pause“ „Eisbein“ und „Sauerkraut“ ‚sondern auch die Ansage verstehen kann? Die vorher erwähnten berühmten Kollegen sorgten auch auf diesem Gebiet für „Service am Hörer“.
Der Grat zwischen Jazz und Showbusiness, verehrter Mr. Bilk, ist schmal, und auch Ihre berühmten Kollegen balancierten hier öfter in der Weise, daß Sie ab und zu elegant ins Show-Business hinüberrutschten. Bei Ihnen freilich verstärkte sich, je weiter das Konzert voranschritt, der Eindruck, daß Sie eine routinierte Bühnenshow abzogen, in deren Verlauf Sie ab und zu kräftig in den Jazz glitten. Da Sie sich alle sieben als excellente Musiker erwiesen, war der Beifall – das hörten Sie ja selbst – lautstark und herzlich. Bitte nehmen Sie einzelnen Jazzfans die Buh-Rufe nicht übel. Es waren wirklich nur einzelne – Mut ist hierzulande noch immer eine seltene Tugend – und diese einzelnen zogen echten Jazz eben einer routinierten Bühnenshow vor, bei der doch einige Male der Eindruck entstand, die älteren Geschwister der „Rolling Stones“ seien zu Gast
gewesen.
Daß Sie den Jazz an diesem Abend nicht ganz verleugnen konnten, spricht für Sie. So danken Innen die Jazzbegeisterten für alles, was geschulte Ohren zwischen den lautstarken Clownerien und Parodien auf alles, was von Old Satchmo bis zu den Beatles Schlagzeilen gemacht hat, heraushören konnten. Sie danken Ihnen, verehrter Mr. Bilk, für Ihre wundervollen Klarinettensoli wie für die ausgefeilten Arrangements Ihrer berühmten Titel, sie danken den „Flügelstürmern“ Ihrer Band, dem Pianisten Stanley Greig und dem Gitarristen Tony Pitt, die sich als markante Persönlichkeiten Ihrer Band erwiesen; sie danken Ihrem ausgezeichneten Trompeter Colin Smith, der bei „Big rush in China“ zwischen den China-Klängen groBen Jazz musizierte, und auch die eingeschworensten Jazzfans freuten sich, daß Ihre „Betriebsnudel“, der Drummer Ron McKay mit kräftiger Unterstützung des Pianisten für ein Schlagzeugsolo sorgte, das einem Solo von Gene Krupa ernsthaft Konkurrenz machen könnte.
Alle Ihre großen Kollegen haben uns, nachdem die Ovationen verklungen waren, versprochen, wiederzukommen. Auch Sie, verehrter Mr. Bilk, und Ihre berühmte Paramount-Jazzband könnten bei einem zweiten Konzert nur gewinnen. Mit mehr Jazz und etwas weniger Klamauk könnten Sie Ihren guten Ruf als eine der besten Dixielandbands der Welt gewaltig aufpolieren. Auf dieses Wiedersehen würden wir uns herzlich freuen.
Ihre Ursula Heyn
