Woodhouse Stompers 1966 in Lippstadt Header

21.10.1966: Big-Band des Alber-Magnus-Gymnasiums Beckum + Woodhouse-Stompers

Der Patriot am 24.10.1966 Text + Bild Ursula Heyn


Die Jazzfreunde zogen in den Keller – Big Band des Beckumer Albertus-Magnus-Gymnasıums und Woodhouse-Stompers

Seit neun Jahren „läuft“ die Herbstwoche nicht mehr ohne Jazz, in diesem Jahr brachte der Jazzclub Lippstadt eine Neuigkeit: Nicht das traditionelle große Konzert, sondern ein Jazzband-Ball führte die jazzbegeisterte Jugend im Kolpingsaal zusammen. Lippstadts rühriger Jazzclub-Präsident Gerke hatte alle Anstrengung gemacht, um den Jazzfreunden mit dem geschulten Gehör, das in den vergangenen neun Jahren mannigfache Gelegenheit hatte, sich an Spitzeninterpreten der internationalen Jazzszene zu bilden, eine gute Band zu verpflichten, und die Woodhouse-Stompers, eine Dixielandband aus Mülheim, genossen bereits nachmittags beim Umzug Lippstädter Festfreude und spielten, so angeregt, am Abend mit zünftigem Dixieland auf. Neben den Woodhouse-Stompers brachte der Jazzband-Ball eine Attraktion des heimischen Raumes, die allein das Kommen wert war. Studienrat Karl Heinz Buhne vom Beckumer Albertus-Magnus-Gymnasium stellte die von ihm gegründete Big-Band erstmals in Lippstadt vor.

Woodhouse Stompers 1966 in Lippstadt

Geboten von seiten des Jazzclubs wurde also genug. Trotzdem fehlten, wie Präsident Gerke in seinem Willkommensgruß bemerkte, 100 Personen. Der Grund war nicht allein beim Regen zu suchen, der sich zur Stunde des Ballbeginns kübelwejse über Lippstadt ergoß. Der Jazz, auch wenn er nicht intellektuell, sondern volkstümlich-fröhlich und der Tanzfreude seiner jungen Anhänger dienend geboten wird, ist zu einem Vergnügen der Intellektuellen geworden. Den breiten Schichten ist er zu hoch, sie zieht es zum problemloseren Beat, der die Beine anstrengt, den Kopf aber weitgehend in Ruhe läßt. „Wir sind“ so Präsident Gerke, „nicht primitiv genug, und von unserem Niveau wollen wir nicht. herunter“. So blieb nur die nette Aufforderung, sich näher um die Woodhouse-Stompers und die Beckumer Big-Band zu gruppieren.

Aufs Zusammenrücken versteht die Jazzgemeinde Lippstadt sich inzwischen. Seit vier Wochen hat sie ein Domizil, Der Clubkeller „White Castle“, der während der Herbstwoche auch für Besucher, die man nicht unbedingt zu den Fans rechnen muß, eine der Attraktionen der „Wasserreichen“ darstellte, läuft seit seiner Eröffnung „bombig“. Hier hat der Jazz ein Zuhause, und in diesen originellen vier Wänden kann man sich die Bilanz leisten, daß die vollen Konzertsäle der „Gründerjahre“ des Lippstädter Jazzclubs nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, daß sich die Jazzgemeinden überall verkleinern, daß vielen Jugendlichen der Jazz zu kultiviert geworden ist.

Die Spreu verfliegt, den „Weizen“ zieht es in den Keller. Solange ein kleinerer Saal für Konzerte nicht zur Verfügung steht, wird der Jazz in Lippstadt in der Hauptsache in den Kellergewölben der ehemaligen „Eintracht“ stattfinden, wo der Jazzclub mit heißer Musik und das Ehepaar Alf mit kühlen Getränken gleichermaßen für das Wohlergehen der Jazzfreunde sorgen.

Daß der Jazz um seine Zukunft nicht besorgt sein muß, bewies der Jazzband-Ball zur Herbstwoche nachhaltig. Die Beckumer Primaner mit Studienrat Buhne sorgten mit ihrem ersten Auftreten in Lippstadt für eine erfreuliche Überraschung. Wenn die Schulbehörde Instrumente für eine Big-Band bewilligt, wenn Abiturienten auf diesen Instrumenten eifrig proben und mit ihrem Dirigenten bei Veranstaltungen wie dem Caritas-Fest in Paderborn und der Großveranstaltung zum Diakonischen Jahr in der Dortmunder Westfalenhalle Begeisterungsstürme ernten, wird der Blick in die Zukunft rosig. Sie spielen keine Arrangements von Schallplatten, sondern ihre eigene Musik, die eine originelle Schreibweise trägt; für ihren Studienrat, der vor der Big-Band steht und dirigiert, gehen die Jungen durchs Feuer, mit Titeln wie dem „C Jam Blues“ „Take the A Train“ und einem Arrangement nach Stan Kenton gaben sie eine Visitenkarte ab, die sie überall präsentieren können. Wenn der Jazzband-Ball im Verlaufe des Abends an Atmosphäre gewann, so war dies wesentlich ein Verdienst, der frischen und begeisternden Big-Band vom Albertus-Magnus-Gym-nasium in Beckum.

Gegen 23.30 Uhr – das Ballpublikum hatte sich durch den freundlichen, aber bestimmten Hinweis auf die Jugendschutzbestimmungen weiter verkleinert – entschloß man sich, umzuziehen. Jazzclub, Ballgäste und an der Spitze die Woodhouse-Stompers zogen in den White-Castle-Clubkeller.

Hier findet nicht nur jede Woche am Freitagabend der Clubabend statt, in Zukunft soll auch jede zweite Woche eine Band im Keller spielen, und hier, im Domizil des Lippstädter Jazz, wurde auch der Jazzband-Ball der Herbstwoche mit Elan, Schwung und Begeisterung gerettet. Der Jazzband-Ball endete spät. Auf kleinem Raum mit gutem Jazz und echter Atmosphäre wurde er trotz anfänglicher Herbstkühle ein großer Erfolg.