Welche Eigenschaft muß ein Song besitzen, den ein Musiker in sein Repertoire aufnimmt? „Something that works for you“ (etwas, was in deinem Sinne funktioniert) sagt Marty Grosz, einer der führenden Rhythmus- und Akkord-Gitarristen des traditionellen Jazz und unter diesen sicherlich der größte Entertainer. Am Donnerstag abend war er mit seinem Quartett zu Gast im Lippstädter Jazz-Club.
Wer Woody-Allen-Filme kennt, kennt auch den swingenden Jazz der 30er Jahre. Der amerikanische Regisseur (und Freizeit-Jazzer) liebt diesen Stil, den Marty Grosz lebendig zitiert wie kein anderer – beide spielten übrigens schon oft gemeinsam in New Yorker Clubs. Der Sohn des Malers George Grosz, 1930 in Berlin geboren, hat mit Allen noch mehr gemeinsam: den trockenen Humor. Sein Gesicht spricht Bände, und seine Musik klingt immer ein wenig ironisch. Er hat schon viel gemacht, als Mitbegründer des „Classic Jazz Quartet“ und der „Orphan Newsboys“ wie als gefragter Solist und „Freelancer“ im Jazzbereich mit anderen großen Namen zusammengearbeitet und abseits des Jazz auch schon mal in einem Werbespott für Sonnenbrillen mitgewirkt – eine schlimme Erfahrung, wie er sich schüttelnd erinnert. Und mit seinen 68 Jahren, der grünen Fliege und den flinken Fingern wirkt der New Yourker agiler als mancher 20jährige.
Melodien von George Gershwin, Bing Crosby oder Fats Waller interpretiert er im eigenen Stil, vieles ist spontan und improvisiert. Wenn das Publikum nach Gefühl verlangt, grinst er und ruft seinen Leuten zu: „Okay, somthing sentimental for these folks“ (also los, was Sentimentales für diese Leute). Dann erklingt der Song, in dem es heißt: „I love you, my darling. If you break my heart I die. It’s a sin to lie“ (Ich liebe Dich, Darling. Wenn Du mich verläßt, sterbe ich. Es ist eine Sünde zu lügen). Er fühle sich dabei, so Grosz, warum auch immer, stets an Monica Lewinsky erinnert. Nico Gastreich gab am Komtrabaß lebendig die Richtung vor. Reiner Brothuhn variierte mit einem Sammelsurium von Dämpfern meisterhaft den Klang seiner Trompete. Frank Roberscheuten spielte das Saxophon ganz im Stil der 30er Jahre zurückhaltend und wurde dann mit der Klarinette mutiger und frecher. Und Überraschungsgast Christ Hopkins griff ebenso spontan wie temperamentvoll in die Klaviertasten. Alle vier begeistern, vor allem auch durch Soli und harmonierten ideal mit Grosz. Dennoch: Der Komiker an der Gitarre hat ihnen einfach die Schau gestohlen.
Text vermutlich: Der Patriot, Verfasser unbekannt
übernommen von archive.org 03/2026
