Bundesrichterliches Urteil musikalisch bestätigt – „The Judge & His Chicago Gang“ bewiesen im Don Quijote, dass Totgesagte wirklich länger leben
„Der Dixieland ist nicht tot und zu schade, um ihn zu beerdigen“, lautet das Urteil des Bundesrichters Ralf Rothkegel, der am Donnerstag als „The Judge“ gemeinsam mit seiner „Chicago Gang“ im Jazzclub die Beweisführung antrat. Als Vorbilder dienen die Größen des Chicago Jazz, der es den Musikern in den „Goldenen 20ern“ mehr als der Jazz aus New Orleans erlaubte, die eigene Individualität solistisch zu entfalten. „The Judge & His Chicago Gang“ entwickeln daraus eine moderne Form des Dixieland, die man dem „Mainstream“ zurechnen kann, nicht besonders originell, schon gar nicht experimentell klingt, aber in jedem Fall gut gemacht ist. Die „Gang“ aus Berlin bedient sich eines breitgefächerten Repertoires, vom Cole-Porter-Song und dem klassischen Dixieland wie „Fidgety Feet“ von Nick LaRocca bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen, etwa „Nothin‘ doin'“ von Bandmitglied Niels Unbehagen, in dem sich der Pianist Raum für ein beeindruckendes Solo geschrieben hat. Richtig schön schwermütig: das Blues-Medley, in dem nicht nur der „Judge“ sein Saxophon in feinster Ben-Webster-Manier blies, sondern sich auch die vorpreschende Trompete von Peter Möhle und die „filterfrohe“ Posaune von Sören Pehrs profilieren konnten. Wolfgang Winkler, der einst das Rundfunkorchester Berlin (Ost) vor sich hertrommelte, und Kontrabassist Hans Schätzke – auch er hätte vor dem Mauerfall nicht Mitglied einer bundesdeutschen Band sein können – gaben der Melodiegruppe mit nicht weniger Profil Takt und Rhythmus vor. „Wir machen nicht erst seit gestern Jazz“, sprach der „Judge“ von Erfahrung, die zu hören war. „Und wir haben dabei schon ein bisschen Moos angesetzt“, fügte er hinzu. Das allerdings hatte keiner gemerkt.
Text: vermutlich Der Patriot, Verfasser unbekannt
übernommen von archive.org 03/26
