Ungewöhnlicher Klangkosmos – Das Francesca-Simone-Trio brachte südländisches Flair in den Lippstädter Jazzclub / Eigenständige Stil-Melange
Südländisches Flair im Lippstädter Jazzclub: „Ein Haus mit Garten, eine Bank in der Sonne, Wäscheleinen, Kindergeschrei – La dolce Vita“, so kündigt Francesca Simone am Donnerstag ihren ersten Song an, bevor sie ihr aufmerksam lauschendes Publikum in der Tivoli-Lounge mit ausdrucksvoller Mimik und großen Gesten in die mediterrane Lebensart entführt. Die Tochter eines Sizilianers und einer Deutschen, inzwischen längst eine routinierte Diva im Jazz-Gesang, lässt sich stilistisch wohl kaum einordnen. Obwohl sie auch einige Vorbilder hat, vorzugsweise im lateinamerikanischen Raum, orientiert sich nur bedingt an ihnen. Amerikanische Standards sind rar. Die Vokalistin kultiviert eher eine eigenständige Stil-Melange aus Jazz, Latin, Afro, Pop und Worldmusic. So stellte Francesca Simone auch ihrem Lippstädter Auditorium ein bunt gemixtes Spektrum vor – meist besinnliche Lieder des Alltags, nicht ohne Ironie und Schärfe, anmoderiert mit phantasievollen Texten und Träumereien. Darunter auch Lieder aus uralten Zeiten, sizilianische Songs aus dem 14. Jahrhundert, freilich durchaus realitätsnah. Jedoch unter der Oberfläche der vordergründig heiter-melancholischen Atmosphäre brodelt mediterranes Temperament. Aus volksliedhafter Schlichtheit wird ein mitreißendes Spiel aus Tönen und Klängen. Hier entsteht eine hautnahe Symbiose von Text und Musik. So reduziert die Sängerin den einstigen Gassenhauer „Volare – Cantare“ auf seinen poetischen Inhalt und legt dem Evergreen einen Son-Mantel um. So offenbart sich selbst die Partisanen-Hymne „Bella Ciao“ in seiner ursprünglichen Form als ein mit Herz und Seele gesungenes, durchaus zartes und in sich gekehrtes Freiheitslied – nur zwei transparente Beispiele für die charakteristischen Eigenschaften der Sängerin: Mal sanft, verträumt und hintergründig, mal wild und leidenschaftlich, locker oder bissig geht sie die (oft von ihr geschriebenen) Stücke an. Kleine Geschichten, Anekdoten, erzählte Poesie bekommen Farbe, Charme, Substanz. Mit ihren Begleitern Robert Mensebach, dem „Hexenmeister“ auf der Gitarre, und Andreas Kappler, dem rhythmischen Energiebündel (Percussion), zauberte die Deutsch-Italienerin eine mediterrane Canzone-Romantik mit besonderem Jazz-Feeling. Auch facettenreiche Exkursionen in die Welt von Folklore, Latin und Pop hatten noch Platz in diesem ungewöhnlichen Klangkosmos – eine Session abseits der gewohnten Pfade im Lippstädter Jazzclub. „Mal was anderes“, sagte ein Gast anerkennend.
Text und Bild: Der Patriot
übernommen von archive.org 03/26
