Round the Corner zeigten beim Jazzbrunch, dass sie sich durchaus nicht als „Verdauungsorchester“ verstehen
Ein willkommener Kontrapunkt zur nassen Kälte dieser Tage: Am Tag der deutschen Einheit lud der Jazzclub Lippstadt zum Jazzbrunch im gemütlichen Goldenen Hahn. Bei Schinkenplatte und Rühreipfanne ließen sich zahlreiche Besucher von den feinen Arrangements des Schweizer Quartetts Round Corner verwöhnen. Was die vier jungen Musiker präsentierten, hatte nicht weniger Gehalt und mindestens ebensoviel Stil wie das Essen. Dem Musikgenuss standen zunächst jedoch einige Hürden entgegen. Die Gesangsanlage zeigte sich unkooperativ, es wurde probiert und diskutiert. Während der Techniker sich mit dem Kabelsalat abmühte, stiegen die drei Instrumentalisten schon mal hinter ihre Geräte und spielten sich mit einer entspannten Bossa Nova-Jazznummer warm. Nach einiger Zeit konnte auch Sängerin Marion Denzler endlich zum Mikrofon greifen, um die letzten Gäste von den Büffett-Tischen wegzulocken. Es zeigte sich, dass die vier frisch gebackenen Absolventen der Zürcher Musikhochschule ihre Hausaufgaben gemacht hatten. Das traditionell besetzte Quartett Vocals, Piano und Rhythmusfraktion führte durch ein facettenreiches Programm, das nicht vom Wiedererkennungswert der üblichen Standards zehrte,sondern durch die lebhafte Performance der Musiker begeisterte. Vokalistin Denzler schöpfte aus der ganzen Bandbreite der Vocal-Jazz-Tradition, bei quirligen Swing-Stücken schraubte sie ihre Stimme in die Höhe, um sie bei der nächsten Nummer im Zeitlupen-Tempo zu einem zarten Hauchen abzudimmen. Drummer Beda Ehrensperger federte leichthändig über die Snaredrum und setzte mit Tobias von Glenck am Bass druckvolle rhythmische Akzente. Der Applaus der Besucher, der die vier für eine ungewöhnliche Version von „Somewhere over the rainbow“ noch einmal auf die Bühne holt, ist dann auch mehr als reine Höflichkeit. Ein Eindruck bleibt: So was ist als Hintergrundmusik viel zu schade.
Text: Der Patriot
übernommen von archive.org 03/26
