Stephan Max Wirth Experience am 13.05.2022 im Apollo

13.05.2022: Stephan-Max Wirth Experience

Bericht im Lippstädter Patriot vom 17.05.2022.
Text: Marion Heier, v
ielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann 


Musik, in der man sich verlieren kann: Stephan-Max Wirth im Jazzclub

Man spürt es gleich: Das ist richtig guter, feiner Jazz. Der Saxophonist und Komponist Stephan-Max Wirth und seine Experience gaben im Apollo-Klub ein Konzert, das sich nicht besser in die Location hätte fügen können.

Während Wirth und seine Mitstreiter Jaap Berends (Gitarre), Bub Boelens (Bass) und Florian Hoefnagels (Schlagzeug) vor gut fünf Jahren schon einmal im damaligen Orpheo zu Gast waren, ist der Veranstaltungsort Apollo für den Lippstädter Jazzclub eine Premiere. Und das fühlte sich richtig gut an. Schummriges Licht, angemessen große Bühne für die vier Musiker, großes Auditorium: Da kommt Großstadtflair auf. Das passt.

Da stehen großartige Musiker auf der Bühne mit Stephan-Max Wirth, der unter den Kritikern hoch gehandelt wird. Zu Recht. Seine komplexen Kompositionen haben immer eine Geschichte zu erzählen. Mal ist es die vom Lockdown leer gefegte Straße in einer sternenklaren Nacht, mal die 194 Nationen im Berliner Multikultiviertel Wedding, die ihn zu Titeln inspiriert haben. „Khamsin“ klingt so wie der marokkanische Wind. Die Töne fegen über einen hinweg, in „A Kapella“, einer Hommage an die Bauhaus-Kapelle in Dessau geht es treibend nach vorn, und in „Zoom“ quasseln die Instrumente nahezu. Da kommt viel Drive rüber.

Diese Improvisationsfreude geht einher mit äußerst großer Spielfreude. Neun Monate lang haben sich die vier nicht gesehen, sagt Wirth. Eine für Künstler, die vom kreativen Austausch leben, schier unerträgliche Situation. Die pure Freude am gemeinsamen Spiel ist ihnen anzusehen. Immer wieder geben sie sich Raum in ihren Soli oder treten in den Dialog, achtsam, wie aufmerksam der Vorgabe folgend und dem Flow hingebend.

Ein paar Bassklänge nur, ein bisschen Percussion, ein leise einsetzendes Saxophon – daraus erwächst ein Stück, das sich im großen Finale bündelt. Wirth schraubt sich bis zur Klimax hoch, improvisiert innerhalb der Scales, schöpft aus einem unglaublichen Strauß an Phrasierungen, bleibt melodiös, wechselt aber in der Stimmung, die sich bis ins Psychedelische bewegt. Das macht „Experience“ aus.

Stilistisch lässt sich dieser Jazz nicht festlegen. Es wird herrlich bunt, rockig, lyrisch ausladend, balladesk. Es ist mal Fusion, mal Free, mal Funk. Man meint, Santana oder Doldinger, Garbarek oder Vollenweider zu hören. In jedem Fall ist dieser Sound ethnisch angehaucht, sieht man in „Point of View“ die Karawane vor sich her schreiten. Man verliert sich in dieser Musik, lässt sich genauso wie die Musiker von ihr treiben und leiten. So klangfarbenreich wie dieser Sound sind auch die Hemden, die die Herren tragen. In schrillen Dessins, wie in den Siebzigerjahren.

Das Publikum möchte am liebsten eine vierte Zugabe, aber so viel Kreativität kostet auch Energie. Und somit muss sich das Publikum bis zur nächsten „Experience“ mit Wirth und Band gedulden.