Ensemble Vinorosso am 04.09.2022 im Stadttheater Lippstadt

04.09.2022: Florian Stubenvoll – Ensemble Vinorosso

Bericht im Lippstädter Patriot vom 07.09.2022.
Text: Marion Heier, v
ielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann


Schräge Takte in schrägen Zeiten

Es ist, als täte man eine Reise. Wenn man dem Lippstädter Klarinettisten Florian Stubenvoll und seinem Ensemble Vinorosso zuhört, befindet man sich zwischen Orient und Okzident. Da wähnt man sich nicht nur vor klangmalerischer Kulisse – nein, vor allem ist es der Rhythmus, der ins Blut geht. Zu hören war das am Sonntagabend im Stadttheater beim Konzert des Jazzclubs und Musikvereins.

Es ist ein verschobener, synkopischer und mitreißender Rhythmus, der einen in die Ferne trägt, hinein zu Land und Leuten. Was einem leicht fällt, denn das Ensemble Vinorosso selbst ist international. Der Cellist, die Kontrabassistin, die Flötistin und der Akkordeonist kommen aus verschiedensten Ländern – aus Chile, Japan, Mazedonien, Russland und Ungarn. Ihnen fällt es nicht schwer, dem Rhythmus der Heimat zu folgen. Und so ist das, was das Publikum hört, etwas absolut Authentisches.

Getragen wird das durchdringende und fröhlich wirkende Spiel von den Kompositionen und Arrangements Florian Stubenvolls, der in dem Album „Schräge Zeiten“ die Klangfarben und Rhythmen der Welt verwebt.

Mit den Musikern erfährt das nun eine äußerst lebendige Umsetzung. Dirigent und Musikschullehrer Stubenvoll lässt das Publikum in seinen Moderationen an musiktheoretischen Kenntnissen teilhaben, die er auf einfache Weise erklärt. „Dem Liebeslied aus Serbien liegt ein Siebenachteltakt zugrunde. Denken Sie sich einfach, Sie würden Walibo und Westernkotten in einem Wort schnell hintereinander sagen“ – und schwups, ist das Taktgefühl da.

Rhythmus macht Spaß. In den ungeraden, man möchte unartigen Taktarten sagen, zeigt sich eine außergewöhnliche, mitreißende Metrik, die mehr ist als Musik. Sie möchte sagen: Lass los, lebe! Ganz oft wechseln dabei die Metren in den Stücken, kommt zum Dreiviertel ein Fünfzehnachtel dazu.

Beim Konzert erklingen zwei Uraufführungen. Die eine ist ein ruhigerer, jiddischer Titel, der vom edlen Wein handelt und sich auf die Werte besinnt, denen wir einem schönen Moment beimessen. „101“-Takte ist eine sehr persönliche Komposition und einem Pärchen gewidmet, das gemeinsam 101 Jahre alt wird. In „Gemist“, aus dem serbisch-kroatischen übersetzt „Weißweinschorle“, mischen sich fröhlich die Taktarten. Der jiddische Hochzeitstanz „Fun der Khupe“ erklingt in beschwingter Klezmer-Tradition, die an Giora Feidmann erinnert.

Das Ensemble Vinorosso spielt in „Ode auf die Freunde“ ein Geburtstagsständchen für Beethoven oder gibt in „KasKadenZ“ einen Hinweis auf den geografischen Bezug des Stücks. Wie im Klezmer ist stets ein volkstümlicher Charakter zu hören. Das Ensemble lässt im vollen Orchesterklang die Vielschichtigkeit der Weltmusik spüren.

Als gar nicht mal so unbedeutend entpuppt sich die Percussion mit Yoana Varbanova an den Kastagnetten, der Cajon, der großen Trommel oder wie in „Schwarze Piste“ am kleinen Schlagzeug. Durchaus jazzartig wird es mit Lennart Rübke an der Posaune, der gleich „Bravo“-Rufe erhält.

Es ist eine elektrisierende, eine die Welt umarmende Musik, deren Botschaft nicht dringlicher sein könnte. Die schrägen Takte von Vinorosso setzen da in schrägen Zeiten ein hoffnungsfrohes Zeichen.