Bericht im Lippstädter Patriot vom 25.10.2022.
Text: Marion Heier, vielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann
Mit der Klarinette verschmolzen
„Ich spiele die Klarinette, um meine Gefühle mit den Menschen zu teilen“. Das sagt der israelische Klarinettist Giora Feidman, der auf Einladung des Jazzclubs Lippstadt mit seiner „Friendship Worldtour“ im Stadttheater gastierte. Mit seinen 86 Jahren ist der King of Klezmer im 75. Jahr seines Bühnenjubiläums „trotz Bandscheibe“ und Altersgebrechen für den Frieden und die Freundschaft unterwegs.
Es ist schon die erste kleine und doch so wichtige Geste, mit der Giora Feidman die Herzen seines Publikums erobert. Ganz im Zeichen seiner „Friendship-Tour“ umarmt er auf die Bühne kommend nicht nur sich, sondern die Menschen auf der ganzen Welt.
Vor diesem Mann muss man den Hut ziehen. Mit 21 Jahren von Buenos Aires nach Israel ausgewandert sieht sich der jüdische Musiker als Diener Gottes, der seinen Mitmenschen mit viel Herz und Bauch begegnet. In das Zwischenmenschliche und die Musik steckt er all seine Energie. Diese Botschaft lebt er bis in die letzte Faser, was er am Sonntag nicht nur mit der Autogrammstunde nach dem Konzert, sondern auch dem Besuch in der ehemaligen Synagoge demonstriert.
Von den Händen seiner Ensemblemitglieder gestützt, wird er zum Stuhl geleitet. Doch sobald Feidman die Klarinette in der Hand hält, sind alle körperlichen Einschränkungen vergessen. Da ist er der jung gebliebene, aber erfahrene Musiker, der mit einem umfangreichen Repertoire seine Friedensbotschaft um die Welt trägt.
Musik ist die Sprache, die Menschen, Kulturen und Traditionen verbindet. Das findet Ausdruck im Programm, das gespickt ist mit Traditionals und vielen Titeln, die sein Manager Majid Montazer arrangiert hat. Außerdem mit dabei hat er am Sonntag Nina Hacker am Kontrabass, Sergej Techerepanov am Klavier / Cembalo, German Prentki am Cello und Piotr Niewiadomski an der Violine.
Es ist zwar schwierig, den leisen und etwas nuschelnden Feidman in der Kombination aus Englisch, Deutsch und Dialekt zu verstehen, aber seine Botschaft ist unmissverständlich. „Alles geht zu schnell, der Krieg in der Ukraine“, winkt er ab. „Aber die Musik hat mich hergebracht. Hier sind wir zusammen, sind wir all member of one family“. Ob Jude oder Christ, Israeli oder Deutscher: „Uns verbindet die Menschlichkeit. Wir sind geboren worden, um in Frieden zu leben“. Basta. Eindeutiger kann seine Botschaft nicht sein.
Das Programm beginnt mit dem „Personal Prayer“, gefolgt von Titeln wie „Nothing but Love“, „Power of Love“ oder „Respect“. An der Klarinette ist er stärker als mit der Stimme. Mit dem Vier-Oktaven-Instrument ist er verschmolzen und auch mit dem rhythmischen Klezmer, der langsam mit einer melancholischen Melodie beginnt und an Tempo gewinnt. Das macht ihm Freude, da tritt er laut mit den Füßen auf. Die Ballade wird zum mitreißenden folkloristischen Tanz, bei dem man am liebsten mitmachen möchte. Das Juchzen übernimmt Feidman schon mal, der gebührende Applaus folgt. Er ist überzeugt von der Kraft der Liebe, der Liebe im Menschen und davon, dass Musik Religion ist. „Ich spiele als Jude ein muslimisches Stück“, möchte er mit „Azan“ eine von vielen Brücken bauen.
Mehrmals singt das Publikum mit – in „Hallelujah“ etwa oder „Donna, Donna“. In „Nostalgia“ rücken die Violine und ein digital aufgerüstetes Cembalo in den Fokus, das mit Synthesizer-Klängen von Glockenspiel bis Akkordeon daherkommt. Das gibt mächtig Farbe ins Spiel, das vom Geist des Feidmannschen Klezmer-Drives geprägt ist. Die Klarinette ist seine Stimme, die laut klagend, lachend und weinend, singend und tanzend die Menschen berührt und mitnimmt auf die Reise zum Frieden.















