14.01.2023: Gankino Circus auf der Studiobühne Lippstadt

14.01.2023: Gankino Circus

Bericht im Lippstädter Patriot vom 17.01.2023.
Text: Marion Heier, v
ielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann 


Ein wahnwitziges Erlebnis: Gankino Circus in Lippstadt

Schräge Charakterköpfe, die Letzten ihrer Art, lustig, verrückt: Gankino Circus mit wenigen Worten zu beschreiben ist schwierig. Jedenfalls katapultierte sich das Quartett aus dem fränkischen Dietenhofen beim Jazzclub-Konzert derart in die Herzen des Publikums, dass mitunter echte Stadion-Stimmung auf der ausverkauften Lippstädter Studiobühne herrschte.

Volksmusik, Musikkabarett, Weltmusik? Ralf Wieland (Gitarre), Simon Schorndanner (Gesang, Klarinette, Saxophon), Maximilian Eder (Akkordeon, Percussion) und Johannes Sens (Schlagzeug) spielen irgendwie alles. Lustig, verschmitzt zynisch, unglaublich spontan und gnadenlos gerade heraus sind sie. Brillante Lausbuben, die sich einfach mal über die geliebte Volksmusik der Eltern und Großeltern – „eine unglaublich brutale Angelegenheit“ – hinweggesetzt haben.

So geht‘s nimmer, dachten sie sich und entwarfen, angeödet von der Kleinstadt-Langeweile Dietenhofens, ihre eigene Version moderner Volksmusik, die ziemlich viele ethnische Anklänge nimmt. Angetrieben vom Balkan-Rhythmus im 7/8 und 11/8tel-Takt halten sie dem 4/4 und 3/4tel-Takt deutscher Volksfest-Schieber einen facettenreifen, außergewöhnlichen Folk mit ordentlich Feuer entgegen. Daher rührt auch ihr Name: Gankino ist ein bulgarischer Tanz.

Die vier Musiker kennen sich seit Kindheitstagen und waren als Straßenmusiker unterwegs. Ralf Wieland ist der Sprecher der Truppe; ein kleiner Zyniker vorm Herrn, der gerne frotzelt und meckert. Eine gewisse Bauernschläue gehört zum Programm, aber auch viel jugendlicher Charme. Kombiniert mit ihrer Musik wird es zu einem wahnwitzigen Live-Erlebnis moderner Musikkultur.

Fast fühlt man sich an Giora Feidman erinnert, als Simon Schorndanner den Klezmer anstimmt mit einer sich fein entwickelnden, rhythmischen Dynamik, die jeden, aber auch jeden ansteckt. Dann ist es Rhythmus pur, ein antreibendes Gefühl, ein Gefühl von Lebendigkeit. Die Badewannenwitze für Energiesparer sind da eher liebevolles Beiwerk.

Maximilian Eder zeigt nicht nur seinen schamanischen Trommeltanz, sondern auch, wie er den 40 Kühen daheim musikalisch mehr Milch abtrotzt. Frei nach Aki Kaurismäki lässt er dem nordischen Tango, dem Blues der Finnen, auf seinem Akkordeon freien Lauf. Und dies mit nacktem Oberkörper, im diffusen Nebel und blauem Licht.

Johannes Sens tobt sich wie Animal aus der „Muppet Show“ am Schlagzeug aus. Das macht er so gut, dass er währenddessen sogar sein T-Shirt gegen das Dietenhofer-Trikot austauscht.

Simon Schorndanner entführt den Hörer mit dem Saxophon in die weite Klangwelt eines Jan Garbareks. Da steckt jede Menge Jazz drin, so viel Energie und Kreativität. Diese Band elektrisiert. Ja, und ab und zu blitzt auch krachende Gabalier‘sche Hütten-Gaudi hervor, die sich dann aber in derartigem Eifer ergießt, dass daraus ein Folk-Pogo wird.

Egal, was sie abliefern. Es ist gut. Es ist einzigartig. Und es macht einen Heidenspaß. Aber passt das zum Jazzclub? Sicher. Die vier stehen ganz in der Tradition des Jazz, nämlich insofern, dass sie mit Traditionen brechen, sich an Grenzen wagen und etwas Neues auf den Weg zu bringen. Daumen hoch für Gankino Circus.