Tiedemann & Villmow am 09.04.2023 in der Jakobikirche Lippstadt

29.04.2023: Gunther Tiedemann & Wichael Villmow

Bericht im Lippstädter Patriot vom 02.05.2023.
Text: Marion Heier, v
ielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann


Nordlichter überm Altar

Ungewöhnlich ist nicht nur die Instrumentierung von Saxofon, Cello und Orgel. Auch hat sich bei dem Konzert „Kreuzüber Bach“ mit Michael Villmow und Gunther Tiedemann das Jazzclub-Konzept bewährt, wonach Konzerte in wechselnden Lokalitäten stattfinden.

Das Cello spielt. Nicht untypisch für ein Kirchenkonzert. Doch hingehört: Gunther Tiedemann spielt Ungewöhnliches auf den Saiten. Seinem Cello entlockt er indisch anmutende Klänge und plötzlich kommen irgendwo aus dem Off Saxophonklänge dazu. In der Akustik der Kirche entwickeln sie einen Hall, der sie durch den Raum schweben lässt. Wie Balsam bahnt sich ein sphärisch-transzendentaler Klang den Weg in die Sinne. In der ungewöhnlichen Kombination von Saxophon und Cello tut sich da ein neues Klangerlebnis, eines, das absolut stimmig ist zum Ort und Stimmung kreiert.

Die beiden Musiker versetzen ihr Publikum zwar nicht in Trance, doch erweitern sie das Bewusstsein um eine neue Klangerfahrung. Mit ihrer Idee, Klassik und Jazz auf ihren Instrumenten zu verbinden, feiern die beiden, die sich von der Lehrtätigkeit an einer Kölner Musikschule kennen, am Samstag den Auftakt zu ihrem 20. Bühnenjubiläum.

Es hat ihnen beiden sehr gut gefallen: „Wir haben selten eine so schöne Stimmung erlebt wie heute Abend“, schmeicheln sie dem Publikum und danken dem Jazzclub-Team, das sich bereits vier Stunden vorher zum Soundcheck eingefunden hat, damit auch akustisch alles stimmt. Dabei sind es mit der mobilen Orgel insgesamt nur drei Instrumente. Auf ihr wird Gunther Tiedemann seinen Kollegen am Sopransaxofon begleiten. Auf dem Programm stehen neben dem Intro die 2. Cello-Suite in d-Moll von Johann Sebastian Bach und Eigenkompositionen.

Tiedemann setzt mit barocken Tanzsätzen wie Menuette, eine Allemande und Sarabande in der Originalkomposition an. Plötzlich wechselt er in die Spielweise der klassischen Spanischen Gitarre und Villmow setzt eine elegante Melodie obendrauf, die an Jan Garbareks „Officium“ erinnert. Es ist ein flinkes, aber sanftes Dahingleiten der Töne und immer auch ein verzücktes, nahezu unbemerkbares Improvisieren. Das wird mit ungewöhnlichen Blue Notes auf der Orgel, die gerade noch einen sakralen Bach gespielt hat, offensichtlicher. Wieder am Cello legt Tiedemann ein rasantes Tempo vor, streicht, schlägt und zupft, galoppiert über die Saiten, wippt mit dem Bogen, tänzelt mit den Fingern über Bünde und durch Oktaven.

Beide Instrumente seien der menschlichen Stimme sehr ähnlich, erläutert Villmow. Dass sich ihre Klangfarben in der Kirche stärker aneinander anpassen und für neue Klangerfahrungen sorgen, wird in den Eigenkompositionen deutlich, die der skandinavischen Musik angelehnt sind. Das hat seinen Grund, denn Michael Villmow lebt in Norwegen und vermag es, mit seinen Saxophonen die Stimmung der Nordlichter musikalisch einzufangen und zu beschreiben. Wie aus einem Rauschen erwachsen da die Lichter, flimmern sie vor dem geistigen Auge hin und her. Zusammen mit dem Cello entwickelt sich ein Omni-Sound, ein Klangkosmos, der den ganzen Kirchenraum erfüllt. Und das alles ohne Effektgeräte – der Kirche sei Dank. Tyssen Takk – tausend Dank – bedankten sich auch die Künstler für ein besonders stimmungsvolles Konzert, das mit persönlichen Worten am Ausgang endete.