Bericht im Lippstädter Patriot vom 09.05.2023.
Text: Marion Heier, vielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann
Musik und Geschichten, die das Leben schrieb
Lächle, auch wenn es schwerfällt: Obwohl von einer Erkältung sichtlich angeschlagen, meisterte Gitte Hænning am Sonntag ihr Konzert im Lippstädter Stadttheater mit Bravour. Dabei verband sie Jazz mit Schlager und Pop.
Der Jazzklassiker „Smile“, der durch Nat King Cole auf eine von Charlie Chaplin komponierte Melodie zum Evergreen wurde, passt sehr gut ins Programm „Für Immer und Neu“ der eher als Schlager- denn als Jazzsängerin bekannten Gitte Hænning. Das muss man ihr lassen: Mit 76 Jahren einen solchen Abend zu meistern, ist schon eine Ansage. Es zeigt ihre Einstellung zum Leben: Weitermachen! Auch wenn eine Erkältung ihr auf der Bühne zu schaffen macht, so ist ihre Stimme erstaunlich beweglich und klar. Aber es gibt ja auch kein „Ich will nen Cowboy als Mann“. Stattdessen berührende Jazzballaden, die harmonisch elegant und textstark das Gemüt erobern. Meistens in Deutsch, manchmal in Englisch.
Das muss man auch mal sehen: Im Genre des deutschsprachigen Jazz bewegen sich nur wenige. Gitte, in flatterigem Weiß gewandet, und ihre ausgezeichnete Band mit Sebastian Weiß am Klavier und Olaf Casimir am Kontrabass sind eins, wenn es darum geht, mit Musik und Geschichten, die das Leben schrieb, das Herz zu berühren. Mit Lebenserfahrung, Gelassenheit und großer Authentizität.
Es ist ein buntes Sammelsurium an Liedern aus mehreren Jahrzehnten, das sie an diesem Abend präsentiert. Keine eigenen Kompositionen, aber Liedgut aus Pop, Rock, Schlager, Jazz und Musical, das sie in ihr eigenes Format packt. Nach wie vor gilt ihre Wertschätzung dem Schlager und seinen Texten, die immerhin in aller Knappheit die Quintessenz des Lebens umschreiben.
Gitte Hænning singt Melodien, die ihr Leben prägten. Dazu gehört „Junger Tag“, mit dem sie 1973 beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ für Deutschland den 8. Platz belegte. Sie besingt die Sehnsucht der Liebe und die Melancholie der Nacht, in „Aber heimlich“ ein Leben ohne Lüge und in „Ich will alles“ die Lust aufs Leben.
Gitte plaudert über das Showbiz und über die dort herrschenden Abhängigkeiten. Wie oft hätten ihr einige Zeilen nicht gefallen, die sie trotzdem singen musste. Sie erzählt von Kollegen, die „zum Clown“ gemacht wurden, aber Melodien sangen, die sich für ihre Jazzinterpretationen hervorragend eignen. Der „Cha Cha“ von Bill Ramsey wird da zur swingenden Big-Band-Version à la Paul Kuhn.
Im Programm hat sie berührende Lieder wie „Lieb ich dich zu leise oder bin ich schon zu laut“ von Ulla Meinecke, Rio Reisers „Für immer und dich“, Ilse Ritters „Schenk uns zurück die alten Lieder“ sowie Songs von Tom Waits, Herbert Grönemeyer und Paul Simon. Darüber hinaus ist es Gitte ein Anliegen, die Volksliedtradition ihrer dänischen Heimat zu erhalten. Was sie in der Zugabe zeigt. Ungewöhnlich wird es mit Jim Peppers „Witchi-Tai-To“, das auf einem Peyotekult-Gesang der amerikanischen Ureinwohner basiert.
Pianist Sebastian Weiß und Bassist Olaf Casimir sind ausgezeichnete Begleiter. Weiß verführt mit gefälliger Jazz-Romantik am Klavier, Casimir ist beschwingter Rhythmusgeber. In Kombination mit Gittes Stimme, die sie ähnlich einer Chansonniere im Ausdruck absolut facettenreich einzusetzen vermag, wird hier eine wundervolle und charmante Symbiose geschaffen.
Ihre Dankbarkeit den beiden Musikern und dem Publikum gegenüber zeigt Gitte immer wieder durch große Gesten, weit ausgebreiteten Armen und Luftküsschen. Sie fühle sich von allen getragen, sagt sie im Nachhinein. Der Jazzclub-Vorsitzende Hermann-Josef Skutnik hatte Gitte zu Beginn Gitte als Vollblutsängerin voller leiser Eleganz und fröhlicher Selbstironie angekündigt. Das ist sie. Und eine, die mit 76 Jahren nicht daran denkt, aufzuhören.
















