Bericht im Lippstädter Patriot vom 22.09.2023. Text: Andreas Balzer.
Vielen Dank für die Berichterstattung. Fotos: Peter Hoffmann
Wilde Jagd durch den Dschungel
„Das Dschungelbuch“? Längst bekannt! Oder doch nicht? So frisch und lebendig wie beim Lippstädter Wortfestival hat man Rudyard Kiplings Literaturklassiker zumindest lange nicht mehr erlebt. Rufus Beck und das wilde Jazzorchester sorgten am Mittwoch bei der Gemeinschaftsveranstaltung von Jazzclub und Kunst- und Vortragsring für Begeisterung.
Der Dschungel erwacht ganz langsam. Max Mertens steht hoch oben auf der Bühne in einer regelrechten Kathedrale aus Gongs. Eine beeindruckende Kulisse, die ein wahres Soundgewitter erwarten lässt. Doch er schlägt die metallischen Klangkörper so sanft an, dass die Töne fast durch den Raum zu schweben scheinen.
Dann setzt, genauso ruhig, Karola Elßner mit ihrer Querflöte ein. Nach und nach folgen die Streicher, das Schlagzeug und die anderen Instrumente. Und mit einem Schlag weicht die verträumte Urwaldstimmung ungeahnter Dramatik, als die Bläser und die E-Gitarre von Charis Karantzas geradezu rockige Töne anschlagen. Der Tag ist vorbei. Die Tiere des Waldes sind erwacht. Und Shir Kahn, der Tiger, ist auf der Jagd. Sein anvisiertes Opfer: das Menschenkind Mowgli!
Die Geschichte, die sich in dieser musikalisch so stimmig vorbereiteten Dschungelatmosphäre entspinnt, ist wohlbekannt. Doch wohl nur selten hat man „Das Dschungelbuch“ so frisch, mitreißend und lebendig erlebt wie an diesem Abend. Das liegt nicht nur an dem extra für dieses Projekt zusammengestellten und wirklich ganz wunderbaren wilden Jazzorchester, sondern insbesondere auch an Rufus Beck.
Der stimmgewaltige Sprecher und Schauspieler ist zwar kurzfristig für den erkrankten Christian Brückner eingesprungen, doch wie ein bloßer „Ersatz“ wirkt er keine Sekunde. Schon mit seinen „Harry Potter“-Hörbüchern hat Rufus Beck bewiesen, dass er junge und alte Zuhörer mit seiner wandlungsreichen Stimme und seinem pointierten Rezitationsstil gleichermaßen in den Bann schlagen kann. Und auch jetzt zieht er alle Register.
Lässig im grauen Anzug am linken Bühnenrand auf seinem Stuhl sitzend, verwandelt er Rudyard Kiplings Vorlage in ein unglaublich dynamisches Live-Hörspiel. Jede Figur wird dabei auch durch ihre stimmlichen Eigenheiten charakterisiert. Sei es der grimmige Tiger, der gegenüber den Wölfen mit gefährlicher Ruhe auf seiner Beute Mowgli besteht. Seien es der ernste, etwas schwerfällige und entsprechend langsam sprechende Bär Baloo oder die lispelnde Schlange Kaa, die – anders als in der Disney-Verfilmung – Mowgli nicht fressen will, sondern zu seiner Rettung beiträgt.
Die von dem Trompeter und musikalischen Leiter Martin Auer geschriebene Musik sorgt in diesem Erzählkonzert nicht nur für stimmungsvolle Zwischenspiele, die sich virtuos der unterschiedlichsten Stile und Quellen bedienen. Da treffen verschiedenste Jazzspielarten auf Rock, Funk und Weltmusik. Und wenn Shir Kahn seinen mächtigen Schädel in die Wolfshöhle schiebt, erinnert die düster dräuende Musik an den „Imperial March“ aus „Star Wars“.
Immer wieder tragen die elf Musiker auch lautmalerisch zum Geschehen bei. Etwa wenn die anarchische Affenbande mit dem von ihren entführten Mowgli durch die Baumwipfel rast, die Streicher das Heulen der Wölfe oder die Bläser das wilde Affengeschrei imitieren.
Musik und Rezitation sind dabei nicht strikt getrennt. Besonders bei dramatischen Höhepunkten verschmelzen sie oft zu einer dichten Einheit. Zum Beispiel wenn der Panther Bagheera und Kaa dem gefangenen Menschenkind zur Hilfe eilen.
Es ist ein wirklich hinreißender Abend, der von dem altersmäßig sehr gemischten Publikum im Stadttheater mit sehr viel Applaus und einigen Standing Ovations bedacht wird.













