Katie & The Swing Aces am 18.11.2023 im Apollo-Theater Lippstadt

18.11.2023: Katie & the Swing Aces

Bericht im Lippstädter Patriot vom 22.11.2023.
Text: Dietmar Gröbing, v
ielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann 


Als gäbe es keine Schwerkraft

Katie & The Swing Aces verwandeln den Apollo Klub in einen mondänen Jazztempel

Das Experiment darf als geglückt bezeichnet werden. Was keineswegs selbstverständlich ist, wenn es um eine Zeitreise geht. Noch dazu um eine Reise in die Vergangenheit. Sängerin Kristina Kruttke alias Miss Katie und ihre Begleiter vollziehen eine musikalische Rückwärtsbewegung in Richtung der Dreißiger- und Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Dort angekommen, greifen Katie & The Swing Aces Klassiker und Standards auf und verhelfen ihnen zu neuem Glanz.

Als Auftrittsort des Jazzclub-Konzerts fungiert der Apollo Klub, der sich prompt in einen mondänen Jazztempel verwandelt. Geraucht werden darf aus verständlichen Gründen nicht, obwohl Schwaden aus blauem Dunst dem Geschehen einen passenden, wenn auch klischeehaften Rahmen verleihen würden. Stattdessen dominieren Töne und Akkorde, die ob ihrer treibenden Kraft Hüften, Beine und Füße in Bewegung versetzen.

Wer tanzen möchte, findet vor der Bühne einen passenden Ort. Hier wird paarweise Lindy Hop performt, ein expressiver Stil, geboren vor rund einem Jahrhundert in den US-amerikanischen Südstaaten. Unmittelbar vor dem Konzert gab es eine Lindy-Hop-Einführung von Maria und Godehard Pöttker, und das Gelernte kann hier direkt umgesetzt werden.

Der Jive-Vorläufer passt perfekt zur Musik und heizt die Stimmung zusätzlich an. Beinah mit Händen greifbar ist die Energie und überbrückt mühelos den Raum zwischen Tanzfläche und Showbühne, wo Frontfrau Miss Katie die Untermalung durch Piano, Kontrabass, Trompete und Schlagzeug mit ihrer vorzüglichen Stimme veredelt.

Passende Outfits ergänzen das sorgfältig ausgewählte Repertoire und lassen es noch eine Nuance „echter“ wirken. Wer etwas auf sich hält, trägt Schiebermütze und Hosenträger, Fliege und Oberlippen-Bärtchen, wie es die Band aus dem Rheinland tut. Kristina Kruttke hat ein hellblaues Chiffon-Kleid als Körperschmuck gewählt, ihr blondes Haar ist zu einem Zopf gebunden. Wer ihre attraktive Erscheinung zum Anlass nimmt, sich blenden zu lassen, verpasst das Beste: den Gesang.

Kruttkes Sopran scheint so nuanciert wie dehnbar und passt sich jeder Stimmung an. Die demonstrierte Flexibilität ist gleich beim Eröffnungsstück hörbar. Es heißt „Cheek to Cheek“ und entstammt der Feder von Irving Berlin. Der Song aus dem Jahr 1935 diente einst Fred Astaire und Ginger Rogers als Tanzvorlage. 88 Jahre später nehmen ihn die Lindy Hopper zum Anlass, ihr Können der Öffentlichkeit zu demonstrieren.

Die Spalier stehende Menge ist ebenso begeistert wie Kristina Kruttke, die Cole Porters „Anything goes“ folgen lässt. Der Titel ist Programm, denn hier und da wird der Lindy Hop vom artverwandten Charleston abgelöst. Füße fliegen durch die Luft als gäbe es keine Schwerkraft, was wiederum das gespielte „Happy Feet“ bestmöglich ergänzt. Milton Agers Komposition findet Ergänzung durch den Evergreen „Straighten up and fly right“. Das Stück von Nat King Cole besticht durch den ureigenen Drive, der jedem guten Swing-Titel zu eigen ist. Und der in Duke Ellingtons vielsagendem Ohrwurm seine ultimative Entsprechung findet: „It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing.“