Bericht im Lippstädter Patriot vom 20.03.2024.
Text: Dietmar Gröbing, vielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann
Ein Maximum an Schelmenhaftigkeit: Der Hirte Albert im Lippstädter Jazzclub
Sie spielen Titel wie „Der Kübelreiter“ und „Clonk 1-5“, wobei Teil fünf den Beinamen „Konfitüre“ trägt. Es folgen „Wwums – Gemeiner Rhythwums“ und „Obazda“. Letztgenannte Nummer lässt vermuten, dass die Protagonisten aus Bayern stammen, doch Leon Albert und Otto Hirte kommen aus Berlin. Das passt zum konzeptionellen Gerüst, das auf Augenzwinkern statt Ernsthaftigkeit setzt. Hier gehört der ironische Bruch zum guten Ton. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was der Bandname Der Hirte Albert unterstreicht.
Das Duo gastierte am Samstag im Lippstädter Kunstverein, den der Jazzclub zur Drehscheibe für seine neueste Programmattraktion ausgerufen hatte. Was die Frage aufwirft: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Gar nicht so leicht zu beantworten. Wer Kunst (zu) ernst nimmt, wird nicht glücklich mit dem eigenartigen Entwurf der Hauptstädter. Wer hingegen das Spöttische als Stilmittel schätzt, kann dem Auftritt durchaus Positives abgewinnen. Kunst kommt halt von Können. Und von Wollen. Aber sie wollen nicht. Zumindest wollen sie nicht bierernst ihr Repertoire runterspielen und eine x-beliebige wie austauschbare Berlin-Band sein.
Der Hirte Albert will in Erinnerung bleiben – durch ein Maximum an Schelmenhaftigkeit und ein Minimum an Perfektionismus. Weniger ist mehr. Auch in Sachen Anspruchshaltung. Daher sollte man tunlichst nicht zu viel erwarten von zwei Instrumentalisten, deren Fertigkeiten die Bedienung von Gitarre (Leon Albert), Saxofon, Klarinette und Flöte (Otto Hirte) umschließen.
Zupfen und Blasen können die Welt nicht verbessern. Und Kriege werden durch andere Instrumentarien entschieden. Warum also zu viel Last auf die Schultern der Herren Albert und Hirte legen? Lieber fünfe gerade sein lassen und dem experimentellen Ungehorsam der Berliner lauschen.
Selbiger führt geradewegs in Richtung Abnutzung, denn das vorgestellte Album heißt „Am Zahn der Zeit“. Der nagt an uns allen, wohl aber besonders an den beiden Künstlern und ihrem Klangwerk. Oder will man den Zuhörer abermals ins Bockshorn jagen, ihm auf dem Weg in sichere Gefilde ein Bein stellen? Um nicht auf die Nase zu fallen, könnte es helfen, die Ohren zu spitzen. Zuhören als Prävention gegen Fallstricke. Doch auch das funktioniert nur bedingt, denn die Hirtenklänge besitzen nur selten eine klassische Melodienstruktur. Sie sind vielmehr bruchstückhafte Wundertüten, die dem nach künstlerischer Freiheit strebenden Dadaismus eine Huldigung erweisen.
Eine tiefe Verbeugung, die selbst vor kalkulierter Betulichkeit nicht zurückschreckt. „Das folgende Stück ist langweilig komponiert“, sagt Leon Albert spitzbübisch und meint damit das anfangs erwähnte „Clonk“. Überhaupt sei das Ganze aufgrund der eingebauten Pausen „eine Herausforderung“. Immerhin dürfen die angekündigten „Durststrecken“ mit persönlichen Kommentaren gefüllt werden: „Husten ist erlaubt.“









