Duo Amoroso (Andreas Hermeyer + Annette Artwig) am 18.08.2024 beim Jazz-Brunch (Header)

18.08.2024: Jazz & Bike

Bericht im Lippstädter Patriot vom 20.08.2024.
Text: Marion Heier, v
ielen Dank für die Berichterstattung.
Fotos: Peter Hoffmann 


„Ich muss es haben, haben, haben“

Es passte alles. Stimmung und Sound erwiesen sich beim Sommerkonzert des Jazzclubs als Einheit. Das Lippstädter Duo Amoroso mit Annette Hartwig (Gesang) und Andreas Hermeyer (Akkordeon) wurde vom Publikum im Dedinghauser Atelier T8 gefeiert.

Das Haus ist rappelvoll, mehr als sonst üblich, als die Sängerin und der Akkordeonist die vom Sonnenlicht umspielte Bühne betreten. Nicht nur rund 60 Radfahrer haben mit Unterstützung des örtlichen ADFC zum alljährlichen „Jazz & Bike“ vom Rathausplatz aus die Scheune angesteuert: Mindestens noch einmal die gleiche Anzahl möchte ohne Radtour dem Konzert lauschen, das sich mit seinem Programm hervorragend in die vorabendliche Stimmung fügt.

Es sind deutsche, französische und englische Lieder, denen Annette Hartwig – bis vor Kurzem bekannt unter ihrem Künstlernamen Anna Leauvier – starken Ausdruck verleiht durch besondere Diktion und Intonation. Es ist, als schlüpfe sie in die Rolle der Protagonisten, wie etwa in dem Stück „Oh, Mond“ des Revue- und Tonfilmkomponisten Friedrich Hollaender, das nicht gut für die schlafwandelnde junge Dame endet. In der Version von Hartwig aber schon. Sie, die die verführerische, mystische Kraft des Mondes mit ihrem Sprechgesang im herrlichsten Berliner Dialekt lebendig werden lässt, schiebt den Rettungswagen hinterher.

Andreas Hermeyer versteht es bravourös, die facettenreiche und umfangreiche Stimme der Sängerin, die sich auch sanft in den Tiefen bewegt, mit leisen Zwischentönen zu begleiten und zu umspielen – mit einnehmender Wirkung. Beide tauchen in die Musik ein, in Lieblingsstücke, die sie zu einer Herzensangelegenheit werden lassen. Das wird spürbar. Das Publikum ist total aus dem Häuschen, applaudiert und ruft „Bravo“ dazwischen.

Auch in einem weiteren Stück Hollaenders, der „Kleptomanin“. Wenn Hartwig „Ach, wie mich das aufregt! Ich muss es haben, haben, haben“ intoniert, spricht sie mit der Gier nach immer mehr wohl ein zeitloses Thema an. Ihre wandelbare Stimme zeigt sich in Piaf‘schen Chansons bis hin zu „Summertime“ oder „Nature Boy“. Darin umgarnt sie Melodien mit Blue Notes und kleinen Koloraturen, wird sie lasziv, mal keck oder melancholisch und ist dabei immer sinnlich.

Es ist ein sehr romantisches Programm, das von der Zugewandtheit der beiden lebt. Das Duo begegnet sich dabei immer wieder liebevoll mit Blicken und Gesten, mit denen sie die Wirkung ihrer Worte und Klänge unterstreichen.

Dem Spiel Hermeyers, der als einer der hochrangigsten Akkordeonspieler gehandelt wird, ist nichts hinzuzufügen. Sein Instrument gehört zu ihm wie der Kopf zum Körper. „Es passiert jetzt etwas Furchtbares“, kündigt er ein Duett an, das auch der Schlager-Sause eines Götz-Alsmann-Programms hätte entnommen sein können. Wenngleich er verhalten und leise in der Stimme ist, sprüht das gemeinsame Stück mit Annette Hartwig nur so vor Charme, Humor und Sinnlichkeit.

Die verbreitet Hermeyer außerdem in Solostücken wie in Richard Gallianos „Tango pour Claude“, in dem die leichte Sommerbrise an der Cote Azur nahezu fühlbar wird. Astor Piazzolla lässt grüßen, so leidenschaftlich und farbenreich ist sein Spiel auf dem Manual und den Knöpfen.

Nicht enden wollender Applaus, ein berührtes Publikum, gerührte Akteure und mehrere Zugaben lassen das Konzert passend zum Sonnenuntergang ausklingen.