27.11.2025: Ulrich Tukur & die Rhythmus Boys

27.11.2025: Ulrich Tukur & die Rhythmus Boys

Bericht im Lippstädter Patriot vom 28.11.2025.
Text: Andreas Balzer

Vielen Dank für die Berichterstattung und die Ankündigung vom 05.11.2025.
Fotos: Peter Hoffmann 


Wenn Ulrich Tukur mit seinen Rhythmus Boys im Lippstädter Stadttheater auftritt, ist das schon eine kleine Sensation. Vor allem aber ist es ein sehr großes Vergnügen. Das wurde am Donnerstag noch dadurch gesteigert, dass die zahlreichen Besucher als Allererste in den Genuss des brandneuen Programms „Tohuwabohu!“ kamen – einige Tage vor der offiziellen Premiere am Montag im Hamburger St. Pauli Theater. Für die hinreißende Mischung aus Jazz, Schlager, etwas Rock ‘n’ Roll und sehr viel absurder Komik gab es lang anhaltende Standing Ovations.

Es beginnt am Anfang. Also ganz am Anfang, mit Gott, der Schöpfung von Himmel und Erde und allem, was darauf kreucht und fleucht. Nur den allerwenigsten Theologen dürfte allerdings bisher bekannt gewesen sein, dass sich der Herr am siebten Tag dermaßen langweilte, dass er zu seiner Zerstreuung die Instrumente und die dazugehörigen Musiker erfand – so kamen die Rhythmus Boys in die Welt.

Während eine ehrfurchtgebietende Stimme aus dem Off diese ganz eigene Version des Buches Genesis vorträgt, nehmen Ulrich Tukur und seine Mannen ihre Plätze ein. Doch die erste Kostprobe ihres Könnens lässt den Allmächtigen gähnen, und so gibt er ihnen mit Donnerstimme auf den Weg: „It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing.“ Und es ward Swing!

 

Duke Ellingtons „It Don’t Mean a Thing (If It Ain’t Got That Swing)“ ist natürlich auch der Song, mit dem das Quartett nach dem ebenso dramatischen wie witzigen Intro loslegt. Und er klingt so frisch, mitreißend und beschwingt, dass man kaum glauben mag, dass er schon fast 100 Jahre auf dem Buckel hat.

Weiter geht es mit Cole Porter, dessen „Anything Goes“ unerwartet in einem furiosen Rock ‘n’ Roll-Outro endet. Ein erster Hinweis darauf, dass Genregrenzen hier nicht ganz so eng gesehen werden. Anything goes eben.

„Oh wei, oh wei, das haben wir noch nie gemacht, da ist nicht so viel schiefgelaufen! Das geht noch!“, meint Ulrich Tukur nach dem Song grinsend und erklärt auch gleich, wie der Abend zu verstehen ist: „Wir wollen gar nicht ernst genommen werden, denn wir wissen selbst, dass wir vergänglich sind.“

Das wird schon optisch deutlich. Hardy Kayser (Gitarre), Günter Märtens (Kontrabass) und Kalle Mews (Schlagzeug) könnten in ihren Klamotten auch einer etwas abgeranzten Zirkustruppe entsprungen sein. Und der sich als Sänger, Pianist und Akkordeonist verdingende Schauspieler wäre mit seinem hellen Anzug und dem bleistiftdünnen Schnurrbärtchen auch gut als Heiratsschwindler in einer alten deutschen Komödie durchgegangen.

Dazu passt sehr gut das nächste Lied, das augenzwinkernde „Es war ein Mädchen und ein Matrose“ aus dem Tanzfilm „Napoleon ist an allem schuld“ von 1938. Das hat auch schon Götz Alsmann gesungen. Und tatsächlich erinnert einiges an dem Abend an den betollten Musikarchäologen. Nicht nur musikalisch, sondern auch bei den immer wieder ins wunderbar Absurde abdriftenden Moderationen. Etwa wenn Tukur von seinen Begegnungen mit Cole Porter erzählt, bei dessen Beerdigung er 1964 auch dabei gewesen sei.

Und doch hat das alles einen ganz eigenen Tonfall. Und auch die stilistische Bandbreite ist weiter als bei Alsmann. Neben Klassikern aus dem Great American Songbook und deutschen Jazzschlagern gibt es auch immer mal wieder Ausflüge in etwas unerwartetere Gefilde. Etwa wenn Günter Märtens den Beatles-Klassiker „Octopus’s Garden“ intoniert. Und zwar im feschen Froschkostüm – eine Anspielung auf die berühmte von Kermit gesungene Version aus der „Muppet Show“. Und bei den Zugaben fegt der kirchturmhohe Bassist beim Stones-Gassenhauer „Let’s Spend the Night Together“ als entfesselte Mick-Jagger-Kopie über die Bühne.

Neben all den altbekannten und dem Vergessen entrissenen alten Schätzchen gibt es auch selbst Verfasstes. Zum Beispiel „Am Steinhuder Meer“. Über das Gewässer bei Hannover habe es bis dahin rein gar nichts gegeben, erklärt Ulrich Tukur. „Nicht mal Hermann Löns hat was geschrieben.“ Vielleicht liegt es daran, dass der Tümpel reichlich unspektakulär ist. „Die durchschnittliche Wassertiefe von 1,5 Metern erlaubt ein Ertrinken nur im Sitzen.“

Die Rhythmus Boys haben ihm natürlich trotzdem ein Lied gewidmet, „Am Steinhuder Meer“. „Das wurde auch tatsächlich unser größter Hit. Es hat uns berühmt gemacht – aber nicht reich.“ Natürlich findet Ulrich Tukur den Song trotzdem „sensationell“. Genau wie das Publikum, das von der ebenso charmanten wie brillanten Herrentruppe absolut hingerissen ist. Ein ganz großer Abend!